Millionäre produziert das Boomland Brasilien im Tagesrhythmus. Der Nachschub an Multimilliardären läuft nicht minder prächtig. Hinter Tausendsassa und Eon -Partner Eike Batista, der Nummer eins des Landes, wenn nicht gar bald der Welt, drängelt sich nun André Esteves weiter nach vorn. Bei "Forbes" belegt er mit einem geschätzten Vermögen von 3 Mrd. Dollar bereits den 13. Platz unter Brasiliens Superreichen.
Durch geschicktes Jonglieren mit seiner Investmentbank Pactual hat sich der 43-Jährige dorthin katapultiert. Vor sechs Jahren hatte er das Unternehmen für 3,1 Mrd. Dollar an die Schweizer Großbank UBS verkauft. Die gab sie ihm drei Jahre später in der Finanzkrise für 2,5 Mrd. Dollar wieder zurück. Mittlerweile wird der Wert auf 15 Mrd. Dollar taxiert. Einen Teil bringt Esteves diese Woche an die Börse.
Im Gegensatz zum mitunter schrillen Habitus des brasilianischen Jetsets protzt Esteves nicht rum. Ein vier Jahre alter Mercedes und zwei Wochen Urlaub im Jahr. Das war's. "Ich bin gut darin, Geld zu machen, nicht, es auszugeben", sagt er. Der Multimilliardär, verheiratet, drei Kinder, stammt aus einer Familie der unteren Mittelschicht aus einem sozialen Brennpunkt im Norden Rio de Janeiros. Mit 21 Jahren fängt er als IT-Fachmann bei Pactual an. Statt brasilianischer Lebenslust herrscht dort preußisch anmutende Arbeitsdisziplin. Wer am Abend als Erster das Büro verlässt, wird mit höhnischem Beifall hinausbegleitet.
Esteves steigt rasch in den Partnerkreis auf. Bei einem Machtkampf um die Strategie reißen er und andere 2002 die Führung an sich. "Er ist extrem intelligent, er arbeitet extrem hart, und er ist extrem ehrgeizig", sagt Pactual-Gründer Luiz César Fernandes, der Esteves eingestellt hat und 13 Jahre danach von ihm ausgebootet wird.
Nachdem er Pactual an die UBS verkauft hat, spielt Esteves mit dem Gedanken, zusammen mit weiteren Investoren die Kontrollmehrheit an der UBS zu ergattern. Die Schweizer sperren sich jedoch, und Esteves bläst das Projekt ab. Stattdessen zieht er in den Vorstand der Bank und wird Chef des globalen Anleihehandels.
Zwei Jahre später beendet er das UBS-Intermezzo und macht sich in Brasilien mit dem Beteiligungsfonds Bank and Trading Group (BTG) selbstständig. Darüber kauft er dann ein Jahr später Pactual von der UBS zurück. "BTG steht für ,Back in the Game‘", sagt Esteves. Wem "Better than Goldman" lieber sei - bitte schön. Auch hierzu liefert sein früherer Förderer Fernandes das Stichwort: "Ich glaube, er will Goldman Sachs Konkurrenz machen und zu einer globalen Investmentbank aufsteigen. Soweit er es in der Hand hat, beträgt die Chance 80 Prozent, dass er es schafft." Schon heute ist BTG Pactual der rührigste Spieler am brasilianischen Markt für Übernahmen und Fusionen, inzwischen mit Standbeinen in Chile, Peru und Kolumbien.
Manchmal geht der allzu forsche Auftritt allerdings schief. Etwa voriges Jahr der Versuch, die Firma Pão de Açúcar des Einzelhandelstycoons Abilio Diniz mit der französischen Carrefour -Gruppe zu fusionieren. Seiner Reputation schadete es indes nicht. Doch just vor dem Börsengang von Pactual holt Esteves nun eine andere Geschichte ein. Vorige Woche verurteilte die italienische Finanzaufsicht ihn wegen eines fünf Jahre zurückliegenden Insiderfalls zu einer Geldstrafe von 350.000 Euro und untersagte ihm für sechs Monate Geschäfte mit italienischen Unternehmen.
Die Behörde proklamiert, Esteves habe zu seiner UBS-Zeit sein Wissen über ein geplantes Joint Venture zwischen dem italienischen Nahrungsmittelkonzern Cremonini und dem brasilianischen Fleischproduzenten JBS zum Kauf von Cremonini-Aktien genutzt. Esteves geht dagegen vor. Der Malus zum Börsengang bleibt jedoch.