Sie tritt eine Welle des Wehklagens los, und doch gibt es sie angeblich gar nicht. Sie schnürt gepeinigten Unternehmen die Luft ab und taucht dennoch in keiner Statistik auf. Sie ist: die Kreditklemme. Niederträchtig und gemein schleicht sie sich quer durch alle Branchen, macht Investitionspläne zunichte, gefährdet Arbeitsplätze, Existenzen. Dabei scheinen die offiziellen Daten zumindest für Deutschland zu belegen, dass das Kreditvolumen sogar steigt.
Wie kann das sein? Geben soll es die Kreditklemme, einige haben sie zumindest früher schon einmal gesehen. Wissenschaftler haben versucht, sie mithilfe von Definitionen dingfest zu machen. Und müssen ihr Scheitern eingestehen. "Man kann sie nicht messen", sagt Torsten Schmidt, Konjunkturexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). "Es gibt nicht den einen Punkt, an dem sie beginnt." Die diversen Definitionen liefern lediglich Anhaltspunkte. Von einer Kreditklemme wird bei einer ungewöhnlichen Verknappung der Kreditvergabe gesprochen, die von den Banken ausgeht und nichts mit den Zinsen, der Solvenz des Unternehmens oder der zu erwartenden Wirtschaftlichkeit eines Investitionsvorhabens zu tun hat. Dies aber lässt viel Spielraum.
Die Kanzlerin auf den Plan gerufen
So kann es sein, dass Unternehmen ganz deutlich eine Klemme spüren - oder zumindest schon mal vorsorglich über eine klagen, was mittlerweile immerhin Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf den Plan gerufen hat. Sie zeigen mit dem Finger auf die Banken, die sich angeblich weigern, Firmen und Privatleute mit Geld zu versorgen. Und das, obwohl die Institute vom Staat gestützt werden, sich an frischem Kapital und Liquiditätsgarantien laben können. Statt pflichtgemäß die Rädchen der Volkswirtschaft zu ölen, so der Vorwurf, horteten die Banken das Geld.
Die Beschuldigten jedoch wollen von einer Klemme nichts wissen. "Es gibt immer Unternehmen, die keinen Kredit kriegen", grantelt Klaus-Peter Müller etwa, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). Er habe besonders lautstarke Kritiker wie den Verband der Automobilindustrie (VDA) gebeten, in ihren Äußerungen "präziser zu sein". So hofft er, dass das "Dauergerede" von der Kreditklemme endlich aufhört.
Die Institute verweisen auf Statistiken der Bundesbank, die für die ersten drei Quartale dieses Jahres satte Wachstumsraten von rund neun Prozent bei der Kreditvergabe ausweisen. Zwar verlangsame sich das Wachstum, räumen etwa die privaten Banken ein. Das liege aber an der nachlassenden Nachfrage. Die Unternehmen reagierten auf die sich eintrübende Wirtschaftslage - man habe keineswegs die höheren Refinanzierungskosten an die Kunden weitergegeben oder generell die Konditionen verschärft, beteuert etwa Jürgen Fitschen, der das Geschäft der Deutschen Bank hierzulande leitet. Allenfalls bei Kunden aus kriselnden Branchen werde kritischer hinterfragt.
Aha. Ist das also eine Kreditklemme? Oder doch nicht? Im Moment gebe es wohl noch keine, meint RWI-Experte Schmidt. Ob und wann sie kommt, wird schwer festzustellen sein. Wissenschaftler wie Banken halten sich an Umfragen zur Kreditvergabe fest, wie sie die Europäische Zentralbank oder die Staatsbank KfW veröffentlichen. Damit bleibt ausreichend Luft für Streit - und die gefühlte Kreditklemme.