ProVon Stefan Kaiser
Je länger der Zusammenbruch von Lehman Brothers zurückliegt, desto diffuser wird die öffentliche Wahrnehmung jener Tage im Herbst 2008 und der Monate davor. Die einen tun so, als hätte die Finanzkrise erst mit Lehman Brothers begonnen. Die anderen betrachten die größte Bankenpleite der Geschichte nur noch als nebensächliche Anekdote eines Finanzdesasters.
Beides ist falsch. Die Lehman-Pleite hat die Finanzkrise nicht ausgelöst. Aber sie war der entscheidende Grund dafür, dass sie zu einem unbeherrschbaren Fiasko wurde, das um ein Haar das weltweite Finanzsystem zerstört hätte.
Im Herbst 2008 war dieses System sichtbar angeschlagen. Einige Monate zuvor hatte die US-Notenbank die Investmentbank Bear Stearns vor der Insolvenz gerettet. Die Aktienmärkte waren im Vergleich zum Vorjahr bereits um rund 20 Prozent abgestürzt. Und nun wackelten weitere Finanzinstitutionen, allen voran Lehman. 20 bis 30 Mrd. $, so heißt es, wären nötig gewesen, um die Bank zu retten und die anschließende Kettenreaktion zu verhindern. Dass die US-Regierung dieses Geld nicht aufgetrieben hat, war wohl einer der größten Fehler der Wirtschaftsgeschichte.
Er sorgte dafür, dass der letzte Rest Vertrauen mit einem Schlag aus der Finanzwelt verschwand. Der Geldmarkt trocknete aus, die Kosten für Kreditausfallversicherungen schossen in nie gekannte Höhen. Und die Investoren an den Aktienmärkten spekulierten darauf, wer als Nächster abstürzt. So gerieten fast alle Banken der Welt ins Wanken - selbst die, die nie etwas mit Subprime-Papieren zu tun gehabt und immer nur ordentlich ihr Bankgeschäft erledigt hatten. Hätten die Regierungen und Notenbanken nicht unglaublich viel Geld aufgewendet, um das System zu stützen, es gäbe heute womöglich keine Banken mehr.
Gemeinhin werden zwei Argumente gegen eine Lehman-Rettung angeführt: Das eine stützt sich auf einen falsch verstandenen Liberalismus, das andere auf der Hoffnung, die Banken seien lernfähig.
Die liberalen Vertreter tun so, als wäre die Finanzindustrie eine Branche wie jede andere, die nach normalen Marktgesetzen funktioniert. Sie setzen auf den Prozess der schöpferischen Zerstörung: Ineffiziente Strukturen müssen kaputtgehen, damit neue, effizientere entstehen. Was in der Autoindustrie funktionieren mag, geht bei Banken nicht. Sie nehmen in zweifacher Hinsicht eine Sonderstellung ein: Erstens gibt es hier keinen normalen Markt. Die Banken leben ganz wesentlich vom Vertrauen, das der Staat als letzte Instanz bereitstellt. Zweitens hängt die gesamte Realwirtschaft vom Funktionieren der Finanzbranche ab. Eine Zerstörung würde auch sie mitreißen. Und ob sich am Ende noch etwas Neues schöpfen ließe, ist äußerst fraglich.
Das zweite Argument gegen eine Lehman-Rettung basiert auf der einfachen Überlegung, den Banken mal so richtig eins auszuwischen, auf dass sie sich bessern. Lässt man eine Pleite gehen, wird das den anderen eine Lehre sein. Das klingt vielleicht nachvollziehbar, ging aber kräftig daneben. Selbst Banker räumen heute ein, dass die meisten Institute nichts aus der Krise gelernt haben und wieder hochriskante Geschäfte machen. Paradoxerweise können sie sich nach dem Lehman-Desaster umso mehr darauf verlassen, dass der Staat sie im Zweifelsfall rettet. Kein Politiker will die Finanzwelt noch einmal an den Rand des Abgrunds bringen.
Außer dieser Erkenntnis hat der Fall Lehman bisher wenig Lerneffekte gebracht. Von einer umfassenden Reform der Finanzmarktregulierung sind die Staaten der Welt eine Woche vor dem dritten G20-Krisengipfel noch weit entfernt.
Wie viel das Lehman-Abenteuer die Steuerzahler am Ende kosten wird, ist heute nicht zu beziffern. Sicher ist: Der Preis war zu hoch.
Stefan Kaiser ist Redakteur im Kommentarteam der FTD.