Barclays kommt nicht aus der Defensive. Zwar meldete das britische Geldhaus am Freitag für das erste Halbjahr einen Milliardengewinn, der die Erwartungen der Analysten deutlich übertraf. Die Bank musste aber einräumen, dass sie Ziel einer neuen behördlichen Untersuchung ist. Die britische Finanzaufsicht Financial Services Authority (FSA) ermittelt gegen mehrere Mitarbeiter, darunter Finanzchef Chris Lucas. Es geht dabei um die Frage, ob die Bank bei zwei Kapitalerhöhungen im Juni und November 2008 ausreichend über bestimmte Gebühren informiert hat, die dabei angefallen waren.
Das Institut ist heftiger Kritik ausgesetzt, seit es vor einigen Wochen als erste Bank zugegeben hatte, den Referenzzins Libor manipuliert zu haben und dafür eine Strafe von 450 Mio. Dollar akzeptierte. Die Führungsspitze um Bob Diamond trat zurück.
Mit Blick auf die Libor-Affäre versuchte Barclays am Freitag, die Wogen zu glätten. Das britische Institut entschuldigte sich für sein Verhalten. "Die Probleme, die über die letzten Wochen aufgetaucht sind, tun uns leid, und wir verstehen, dass wir unsere Kunden und Aktionäre enttäuscht haben", sagte Verwaltungsratschef Marcus Agius. Die Bank sei entschlossen, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Agius selbst hat ebenfalls seinen Rücktritt angekündigt, bleibt aber zunächst noch kommissarisch im Amt, um die Posten im Top-Management neu zu besetzen.
Weltweit wird gegen etliche Institute wegen mutmaßlicher Schiebereien beim Libor ermittelt, darunter auch die Deutsche Bank. Der Libor spiegelt die Refinanzierungskosten der Geldhäuser am Interbankenmarkt wieder. Der Zins ist Basis für Produkte und Derivate im Volumen von bis zu 500.000 Mrd. Dollar. Auch beim europäischen Pendant, dem Euribor, soll es Tricksereien gegeben haben.
Barclays teilte mit, im Zusammenhang mit den Libor-Manipulationen Ziel mehrerer Zivilklagen zu sein. Dabei gehe es unter anderem um falsche Angaben in den Geschäftsberichten in den Jahren 2006 bis 2011.
Das Institut meldete für die ersten sechs Monate des Jahres einen um Sondereffekte bereinigten Vorsteuergewinn von 4,2 Mrd. Pfund und übertraf die Erwartungen der Analysten damit deutlich. 1,8 Mrd. Pfund entfielen davon auf das zweite Quartal. Aktionäre reagierten erfreut: Die Aktie der Bank legte in den ersten Handelsstunden zeitweise um fünf Prozent zu.
Im Kapitalmarktgeschäft - dem für die Zinsmanipulationen verantwortlichen Segment - legten die Einnahmen in den ersten sechs Monaten 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um vier Prozent auf 6,5 Mrd. Pfund zu. Das ging vor allem auf das Geschäft mit festverzinslichen Wertpapieren, Devisen und Rohstoffen zurück. Der Vorsteuergewinn der Sparte ging leicht auf 2,3 Mrd. Pfund zurück. Im heimischen Geschäft mit Privat- und Firmenkunden steigerte Barclays den Vorsteuergewinn auf 746 Mio. Pfund.
Allerdings musste Barclays im Zusammenhang mit weiteren Skandalen Belastungen verdauen. So legte die Bank 450 Mio. Pfund für Entschädigungszahlungen an kleine und mittelständische Unternehmen zurück. Das geht auf einen Vergleich mehrerer britischer Banken mit der FSA zurück. Die Institute hatten Zinsswaps an diese Firmen verkauft und diese dabei in die Irre geführt. Außerdem fiel eine Rückstellung über 300 Mio. Pfund im Zusammenhang mit dem Verkauf untauglicher Versicherungen an Privatkunden an. Diese Versicherung soll einspringen, wenn ein Schuldner seine Kredite nicht mehr bedienen kann. Britische Banken hatten diese Produkte jahrelang im großen Stil verkauft. Insgesamt hat Barclays damit für Entschädigungen für Käufer dieser Versicherungen Rückstellungen von 1,3 Mrd. Pfund angelegt.