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Merken   Drucken   14.10.2005, 10:32 Schriftgröße: AAA

Liquiditätsmangel bedroht Refcos Existenz  

Die Zukunft des Derivatehändlers Refco ist ernsthaft bedroht. Refco kündigte an, seine Devisen- und Aktienhandelssparte Refco Capital Market für zunächst 15 Tage zu schließen. von Heike Buchter, New York
Refcos Exchef Phillip Bennett mit seiner Frau auf dem Weg zum Richter   Refcos Exchef Phillip Bennett mit seiner Frau auf dem Weg zum Richter
Als Grund gab das Unternehmen Liquiditätsmangel an. Am Montag hatte der Futureshändler eingeräumt, einen Kredit in Höhe von 430 Mio. $ an eine durch Vorstandschef Phillip Bennett kontrollierte Investmentfirma nicht offen gelegt zu haben. Bennett wurde am Dienstagabend verhaftet. Die US-Staatsanwaltschaft hat den 57-Jährigen inzwischen wegen Wertpapierbetrugs angeklagt. Refco hat derweil Arthur Levitt, den ehemaligen Chef der US-Börsenaufsicht SEC, sowie den ehemaligen US-Bankenaufseher Eugene Ludwig als externe Berater engagiert. Die Aktie wurde am Donnerstag vom Handel ausgesetzt. Vor Handelsauftakt war das Papier um bis zu 29 Prozent auf 7,90 $ gefallen.
Seit vergangenem Freitag hat die Aktie 72 Prozent verloren. Donnerstagnachmittag spitzte sich die finanzielle Lage des Unternehmens weiter zu: Die Kreditratingagentur Standard & Poor's senkte wegen "deutlicher Zweifel" an der Liquidität Refcos die Bewertung der Anleihen ein weiteres Mal.
Erinnerungen an Enron
Der Bilanzskandal bei Refco weckt an der Wall Street Erinnerungen an den Energiehändler Enron. Dort hatten verdeckte Außenstände zum Zusammenbruch des Konzerns geführt. Die Vernichtung von Milliarden an Anlegergeld und Tausenden Jobs hatte den US-Kongress veranlasst, mit dem Sarbanes Oxley 2002 strengere Vorschriften für interne Kontrollen vorzuschreiben. Bei Refco haben die neuen Regeln offenbar nichts genützt: Bisherigen Erkenntnissen zufolge handelt es sich bei den 430 Mio. $ in Refcos Büchern um Forderungsausfälle, die bereits seit 1998 vorhanden waren.
In Branchenkreisen wird spekuliert, dass es sich um Forderungen gegenüber Kunden handelt, die zahlungsunfähig wurden. Ein daraus resultierender Liquiditätsmangel hätte Refcos Geschäft gefährdet. Daher, so vermuten Insider, könnte Bennett die Forderungen auf seinen Namen übertragen und durch verschiedene Transaktionen versteckt haben. Dabei halfen ihm offenbar Hedge-Fonds, unter anderen Liberty Corner Capital. Noch vor seiner Verhaftung hatte Bennett die 430 Mio. $ in bar allerdings zurückgezahlt.
Beunruhigte Marktteilnehmer
Die ungewisse Zukunft Refcos beunruhigt die Marktteilnehmer. Der Broker ist einer der aktivsten Teilnehmer und Abwickler im Futureshandel. Das US-Unternehmen wickelt weltweit Derivategeschäfte in Devisen, Aktien, Anleihen und Rohstoffen ab. "Ich gehe nicht davon aus, dass der Markt langfristig Schaden leidet - allerdings bleibt die Frage, ob es noch mehr schlechte Nachrichten in diesem Zusammenhang gibt", sagte Allan Zavarro gegenüber der FTD. Zavarro ist Chef der Futuresabteilung bei ABN Amro und einer der Veteranen des Futuresgeschäfts. Russ Wasendorf, Chef des Refco-Konkurrenten Peregrine Financials, zeigt sich besorgt: "Ich fürchte, dass die Unternehmen der Branche nun alle über einen Kamm geschert werden." Der Vertrauensschwund macht sich bereits bemerkbar: Die Aktien der Chicago Mercantile Exchange (CME) gaben am Donnerstag um bis zu acht Prozent nach. Refco gehört zu den größten Kunden der Terminbörse. Bis zu zwölf Prozent des Volumens gehen auf das Refco-Konto.
In der Stellungnahme betonte Refco, alle vorgeschriebenen Kapitalreserven der Terminmarktaufsicht CFTC zu erfüllen. Das betrifft die Kunden im Futureshandel. Doch laut Branchenkennern versuchen immer mehr Kunden, ihre Positionen zu anderen Brokerhäusern zu verlagern. Beobachter erwarten auch ein strenges Vorgehen der CFTC in dem Fall. "Wenn die Aufsicht dieses Mal nicht durchgreift, wird die Behörde selbst Ärger mit dem US-Kongress bekommen", mutmaßt ein Marktteilnehmer. Refco, ein aggressiver Aufkäufer in den vergangenen Jahren, genießt in der Branche den Ruf, Spielräume auszuloten. Das Unternehmen gehört zu den Händlern, die am häufigsten mit Strafen belegt wurden.
Im Zusammenhang mit dem Skandal müssen sich auch Wall Streets erste Adressen unangenehme Fragen gefallen lassen. Erst vor rund zwei Monaten hatten Credit Suisse First Boston, Goldman Sachs und Banc of America Securities Refco an die Börse gebracht. Jetzt drohen den Investmentbankern Klagen geschädigter Anleger. Dennoch hat Refco Goldman Sachs am Donnerstag als Finanzberater in der Krise beauftragt.
  • Aus der FTD vom 14.10.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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