Fast 18 Monate lang hatte sich die Regierung von Bangladesch Zeit gelassen, bis sie zuschlug. Das Kabinett genehmigte Anfang August eine Resolution, die die Machtverhältnisse in der international wohl berühmtesten Institution des Landes durcheinanderwirbelt: der Grameen Bank. Ihr Gründer Muhammad Yunus hatte einst den Mikrokredit ersonnen, der Millionen Bedürftige aus der Armut hievte; Erfinder und Bank erhielten dafür 2006 den Friedennobelpreis. Die neue Regel gibt dem von der Regierung eingesetzten Vorstandschef nun das Recht, auf eigene Faust den Direktor des Geldinstituts zu benennen.
Das ist der jüngste Schlag der Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina gegen die Grameen Bank - und gegen ihren Intimfeind Yunus. Im März 2011 hatte sie ihn bereits als Bankdirektor abgesetzt, weil er mit seinen damals 70 Jahren das offizielle Pensionsalter überschritten hatte. Beobachter vermuten aber, dass es der machtbewussten Regierungschefin in Wahrheit darum ging, sich eines prominenten Kritikers und potenziellen Konkurrenten zu entledigen. Mit ihrem neuesten Schritt greift sie nun Yunus' Lebenswerk an - zu ihrem eigenen politischen Vorteil.
Der Kabinettsbeschluss hebelt ein 29 Jahre altes Gesetz aus, das bisher die Machtfragen im Grameen-Vorstand regelte. Es besagt, dass die Regierung den Vorstandsvorsitzenden ernennen darf, der Direktor aber im Einvernehmen mit dem Vorstand ausgesucht und ernannt wird. Neun der zwölf Vorstandssitze haben Frauen inne. Sie wurden gewählt von den mehr als acht Millionen Kundinnen und Kreditnehmerinnen - 96 Prozent der Grameen-Kundschaft sind Frauen. Deren Ersparnisse von 1,4 Mrd. Dollar bilden das finanzielle Rückgrat der Bank. Mit ihrem Angriff auf die Unabhängigkeit der Bank entmachtet Sheikh Hasina also auch die Frauen.
In einem Aufruf mit dem früheren entwicklungspolitischen Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Winfried Pinger, verlangte der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, einen Stopp der deutschen Entwicklungshilfe in Höhe von 30 Mio. Euro an Bangladesch. In der Stellungnahme heißt es, das "mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete, erfolgreichste Projekt in Bangladesch" werde "verstaatlicht, missbraucht und damit nach aller Erfahrung zu Grunde gerichtet".
Die Regierung von Sheikh Hasina dürfte sich von solchen Forderungen kaum beeindrucken lassen. Nachdem sie Yunus aus der Grameen Bank gedrängt hatte, gab es keine Konsequenzen vonseiten der Geberländer - von einigen müden Protestäußerungen abgesehen. Die nahm die Premierministerin in Kauf, denn der populäre Yunus drohte ihr gefährlich zu werden: Bisher wechseln sich Sheikh Hasinas Awami League und die Bangladesh Nationalist Party ihrer Rivalin Khaleda Zia an der Macht ab. Doch während einer kurzen Militärdiktatur im Jahr 2007 hatte Yunus mit der Idee geliebäugelt, sich als Kandidat einer neuen "dritten Kraft" um das Amt des Premiers zu bewerben.
Einen weiteren Konkurrenten kann Sheikh Hasina nicht brauchen. Zumal sich in der wichtigen Textilbranche des Landes wegen niedriger Löhne Unmut regt. 80 Prozent der Angestellten in der Branche sind Frauen. Bisher haben sie in keiner der beiden großen Parteien einen starken Unterstützer gefunden. Eine "dritte Kraft" wäre für sie attraktiv - zumal wenn ihr ein Politiker wie Yunus vorstünde, der viel für Frauen getan hat.
Nun kontrolliert die Regierungschefin mit der Grameen Bank einem beachtlichen Geldtopf. Sie dürfte darauf hoffen, dass sie sich auf diesem Wege die Wiederwahl sichern kann - etwa indem der neue, von ihr kontrollierte Direktor den Kreditnehmerinnen verspricht, ihre Schulden zu reduzieren oder gar abzuschreiben.