Goldman Sachs ist schlechte Presse gewöhnt. Der Rolling-Stones-Journalist Matt Taibi bezeichnete die US-Investmentbank vor zwei Jahren als "Vampire Squid", als blutsaugenden Tintenfisch. Auch dass die US-Börsenaufsicht SEC wenig später ein fragwürdiges Geschäft aufdeckte, bei dem die Bank gemeinsam mit dem Hedge-Fonds-Manager John Paulson andere Kunden übers Ohr gehauen haben soll, trug nicht gerade zur Verbesserung ihres Ansehens bei.
Doch dass ein ehemaliger Mitarbeiter das Unternehmen öffentlich als "destruktiv" und "moralisch verrottet" bezeichnet - das hat es noch nie gegeben. Die Abrechnung von Greg Smith, bislang Derivatehändler bei Goldman Sachs in London, erschien am Mittwoch in einem Gastbeitrag für die "New York Times" - und verbreitete sich im Internet wie ein Lauffeuer.
Smith wirft seinem Ex-Arbeitgeber vor, Kunden systematisch abzuzocken. Investoren würden "Aktien und andere Produkte aufgeschwatzt, die wir loszuwerden versuchen, weil ihr Ertragspotenzial als nicht besonders groß betrachtet wird". Einige Goldmänner bezeichneten ihre Kunden sogar als "Deppen".
Der langjährige Goldman-Mitarbeiter beschuldigt Vorstandschef Lloyd Blankfein und den Aufsichtsratsvorsitzenden Gary Cohn, sie hätten die Unternehmenskultur verkommen lassen. "Ich war immer stolz darauf, meine Kunden so zu beraten, dass sie davon profitieren - selbst wenn es weniger Geld für die Firma bedeutet", schreibt Smith. Mittlerweile fragten junge Kollegen nur noch: "Wieviel Geld haben wir mit dem Kunden verdient?"
Die Bank weist die Vorwürfe weit von sich. "Die Behauptungen dieser Person reflektieren nicht unsere Werte und unsere Kultur", heißt es in einem Schreiben Blankfeins an seine Mitarbeiter, das das "Wall Street Journal" veröffentlichte.
Allerdings wirkt der Versuch des Bankchefs, Smith als isolierten Einzelfall darzustellen, etwas misslungen. In einer Umfrage hätten 89 Prozent der Belegschaft die Auffassung vertreten, die Kunden bekämen einen exzellenten Service, schreibt Blankfein. Eine Steilvorlage für die Kritiker: "Und was ist mit den restlichen elf Prozent?", ätzte Tyler Durden vom Finanzblog Zerohedge.
Teil 2: Das Imperium schlägt zurück