Die russische Bürgerrechtsbewegung produziert zuweilen merkwürdige Bilder: Am Mittwoch trafen sich Hunderte Demonstranten vor dem Moskauer Taganski-Gericht, um gegen die Inhaftierung von Mitgliedern der Punkgruppe Pussy Riot zu protestieren. Drei Aktivisten hatten sich in einem Käfig verschanzt, der mit Vorhängeschlössern verriegelt war. Um den Käfig herum aber, der eher dezent am Straßenrand abgestellt war, stand eine Hundertschaft Bereitschaftspolizisten, in Kampfanzügen.
Es ist diese Unverhältnismäßigkeit der Mittel, die immer mehr junge Russen gegen die Staatsmacht aufbringt - und die auch den Fall Pussy Riot prägt. Die drei Frauen hatten im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ein "Punk-Gebet" gegen Präsident Wladimir Putin aufgeführt.
Das Ganze dauerte nur wenige Minuten, doch die Reaktion der Behörden war rigoros. Die jungen Frauen, darunter zwei Mütter, sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Sollte es zum Prozess kommen, drohen bis zu sieben Jahre Haft wegen Rowdytums. Eine von ihnen, Nadeschda Tolokonnikowa, trat am Mittwoch in den Hungerstreik.
Mittlerweile breitet sich eine Welle der Solidarität aus. Weltweit haben sich Unterstützergruppen gebildet. Als die US-Rockband Faith no More am Montagabend in Moskau auftrat, nutzten Anhänger von Pussy Riot eine Pause der Musiker für eine spektakuläre Einlage. Mit bunten Sturmhauben über dem Kopf und bengalischen Feuern in der Hand enterten sie die Bühne und riefen zum Protest auf - ungehindert von den Sicherheitskräften. Die US-Rocker spielten anschließend ihr Lied "We care a lot", ebenfalls in Sturmhauben.
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Auch in der russischen Kulturszene selbst ist das Entsetzen über das Vorgehen der Behörden groß. Hunderte von prominenten Künstlern, Musikern und Filmemachern haben einen Aufruf unterschrieben, in dem gefordert wird, die Frauen freizulassen. "Wir beurteilen die moralisch-ethische Seite ihrer Handlungen unterschiedlich", heißt es darin. "Aber wir sind überzeugt, dass Pussy Riot keine Straftat begangen haben."
Für Putin und seine Behörden ist besonders unangenehm, dass sich dem Aufruf auch solche Künstler anschlossen, die bisher als handzahm galten. So steht gleich zu Beginn der Unterschriftenliste der Name von Tschulpan Chamatowa, einer bekannten Schauspielerin, die sich noch Anfang des Jahres in Wahlwerbespots für Putin eingesetzt hatte.
Masha Lipman, Expertin für Zivilgesellschaft am Moskauer Carnegie-Zentrum, hält die harsche Reaktion der Staatsmacht für "absolut unklug". "Das verstärkt noch die Teilung innerhalb der russischen Gesellschaft, die sich ohnehin zuletzt ausgeweitet hat", sagt Lipman. Junge, gut ausgebildete Russen hatten vor allem in den Großstädten gegen Wahlbetrug und staatliche Willkür protestiert und dabei auch den Kreml direkt kritisiert.
"Die russische Führung betrachtet eine solche Ablehnung von Autoritäten als ernsthafte Gefahr", sagt Lipman. "Und je lauter die jungen Russen auftreten, desto schärfer wird die Regierung reagieren."