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Merken   Drucken   15.01.2012, 22:30 Schriftgröße: AAA

Ratingagenturen: Die Mär einer Verschwörung

Leitartikel Empört reagieren Europas Politiker bei jeder Herabstufung durch eine amerikanische Ratingagentur. Doch sie sollten sich den Populismus sparen - und stattdessen die Macht der Bonitätswächter beschneiden.
Einmal Buhmann, immer Buhmann. Obwohl das ungerecht ist, müssen sich die amerikanischen Ratingagenturen damit abfinden. Jedes Mal, wenn sie die Bonität von Euro-Ländern herabstufen, sehen sie sich Anfeindungen der Politik ausgesetzt. Das Spektrum ihrer Kritiker reicht von der CDU bis zur Linken und gipfelt im Vorwurf von Gregor Gysi, Standard & Poor's, Moody's und Fitch führten Krieg gegen die europäischen Völker. Doch das ist Nonsens.
Auch eine europäische Ratingagentur, so es sie denn bereits gäbe, wäre nicht zu einem anderen Ergebnis gekommen als S&P. Die Schuldenkrise ist strukturell noch nicht gelöst. Frankreich ist tatsächlich kein Topschuldner mehr. Österreich droht bei einer Ungarn-Pleite Ungemach. Und selbst Deutschland läuft Gefahr, durch zusätzliche Belastungen bei der Euro-Rettung seine Bestnote zu verlieren.
Es gibt keine geheimbündlerischen Interessen, keine amerikanische Verschwörung. Im Dezember hatte S&P den Ausblick auf "negativ" gesenkt, nun folgte die Herabstufung von neun Euro-Ländern. Der Zeitpunkt ist nach dem Aufwärtstrend an den Börsen gar nicht so schlecht gewählt. Sollte sich das Griechenland-Drama demnächst wieder zuspitzen, hätte die Herabstufung vermutlich echte Schockwellen ausgelöst. Momentan besteht zumindest die Hoffnung, dass die Märkte die unangenehme Wahrheit nicht gar so tragisch aufnehmen.
Trotzdem ist der politische Ansatz richtig, die Wirkung von Herabstufungen zusätzlich abzufedern. Bisher müssen Versicherungen ihre Anleihen automatisch verkaufen, wenn sie von den Ratingagenturen den Stempel "beinahe Ramsch" aufgedrückt bekommen. Das führt zu einem sich selbst verstärkenden Negativeffekt: Der Wert der Anleihen sinkt weiter, die Märkte gehen nach unten, Anleger an der Börse machen genauso Verluste wie Versicherte mit ihren Lebensversicherungen oder Riester-Verträgen. Diese Abwärtsspirale sollte durchbrochen werden.
Im Falle Griechenlands hat die Aufsicht schon einmal eine Ausnahme gemacht. Das sollte zur Regel werden. Es erhöht den Spielraum der Versicherer und bürdet ihnen gleichzeitig mehr Risikomanagement auf. Warum sollten institutionelle Anleger die Lage nicht genauso gut einschätzen können wie die Ratingagenturen? Bessere Informationen haben die jedenfalls auch nicht.
  • Aus der FTD vom 16.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 16.01.2012 13:07:04 Uhr   MW65719: Rating für Europa richtig, aber USA falsch ....

    Ich stimme dem Leitartikel zu: Die Senkung der Bonotätsnoten war richtig. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Auch bei Länderratings muss eine größere Bandbreite erreicht werden - mit der die Anleger und die Regulatoren institutioneller Anleger wie z.B. der Versicherungen dann aber auch richtig umgehen müssen. Länderratings waren in der Vergangenheit eher zu simpel gestrickt, Abstufungen haben kaum existiert. Üblicerweise hatten Länder ein AAA, wenn sie kreditwürdig waren, oder direkt ein C oder gar D, wenn die Rückzahlung von Staatsanleihen kaum zu erwarten war.
    Aber das ist nicht die Realität. Wenn man die Wirtschaftskraft, Finanzpolitik etc. der einzelnen Länder miteinander vergleicht, dann repräsentierten einige europäische Länder wie z.B. Griechenland schon seit langem (immer seit es Ratings gibt?) ein höheres Risiko als Deutschland oder auch Frankreich. Und selbst jetzt ist das Risiko bei Frankreich - wenn auch marginal, daher auch immer noch nur der kleine Unterschied in der Note - höher als bei Deutschland.

    Insofern müsste es auch unter den (noch) als stabil anzusehenden Ländern in Europa eine deutlich breitere Streuung im A-Bereich geben.

    Der einzige Punkt, wo ich vielen der Kommentatoren durchaus Recht gebe, ist die Ungleichbehandlung der USA. Falls hier die Ratingagenturen nicht ein sehr hohes Gewicht auf nicht-finanzielle Aspekte (z.B. die Militärmacht) legen, dann haben die USA angesichts politischer Kapriolen, Finanzfaktoren wie Verschuldungsquote (Staat und Bevlkerung) etc. auch die zweitbeste Note AA+ nicht (mehr) verdient.

  • 16.01.2012 11:28:17 Uhr   Quax-von-Baden: Welthandelswährung
  • 16.01.2012 11:18:16 Uhr   Gerhard Wegner: unkritische Berichterstattung
  • 16.01.2012 09:59:43 Uhr   Annetta Ronchetti: USA AAA?
  • 16.01.2012 09:06:04 Uhr   Werner Bläser: Verschwörung Nonsense?
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