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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

Merken   Drucken   17.09.2008, 15:47 Schriftgröße: AAA

Rettung von AIG: Bernankes kontrollierte Sprengung

Im Gegensatz zur Lehman-Pleite hat die US-Regierung beim Versicherungskonzern AIG die Notbremse gezogen und das Unternehmen verstaatlicht. Was wie ein undurchsichtiger Schlingerkurs aussieht, ist wohl durchdacht. Eine Pleite hätte eine Kettenreaktion auslösen können. Eine Analyse. von Sebastian Dullien
Sebastian Dullien ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der FHTW Berlin.
In der Finanzkrise bringt jeder Tag neue Überraschungen: Nachdem am Wochenende die Regierung die weltweit viertgrößte Investmentbank Lehman Brothers in die Pleite laufen ließ, rettete sie zusammen mit der Notenbank Fed den Versicherungskonzern AIG in der Nacht zum Mittwoch mit einer Quasi-Verstaatlichung. Gleichzeitig verweigerte die Fed jedoch die von vielen Marktteilnehmern erhoffte Zinssenkung und beließ den Leitzins bei 2,0 Prozent.
Doch was wie ein wilder Schlingerkurs der Verantwortlichen in Washington aussieht, dürfte in Wirklichkeit genau kalkuliert sein. Natürlich fallen im US-Finanzministerium und der Notenbank die Entscheidungen gerade unter enormem Zeitdruck. Bislang folgen die Rettungsaktionen zwar keinem vorgefertigtem Drehbuch, aber ein paar klaren Prinzipien.
Ein Gebäude des Versicherungsriesen AIG in Hong Kong   Ein Gebäude des Versicherungsriesen AIG in Hong Kong
Risiko einer AIG-Pleite wäre zu hochUS-Finanzminister Hank Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke halten sich strikt an die Regel, jene Banken zu stützen, die wichtig für die Stabilität des ganzen Systems sind und jene Banken fallen zu lassen, ohne die die US-Wirtschaft gut auskommen kann.
Anders als die Investmentbank Lehman Brothers, die vor allem Geschäfte mit einer kleinen Handvoll sehr vermögenden Kunden und Großkonzernen gemacht hat, hat AIG ein Massengeschäft. Nicht nur verkauft der Konzern millionenfach Kfz- und Lebensversicherungen an einfache Bürger. Wichtiger ist, dass der Versicherungskonzern sich teilweise indirekt mit Einlagen von Kleinanlegern auf Tagegeldkonten finanziert hat. Diese Konten galten immer als enorm sicher. Wenn diese Einlagen nicht zurückgezahlt worden wären, hätte das eine Vertrauenskrise durch das ganze US-Bankensystem senden können, bis hin in die kleinen, lokalen Institute. Im schlimmsten Fall hätten Millionen Kleinanleger ihre Einlagen aus Tagegeldkonten abgehoben, was die Liquiditätskrise auch auf völlig solide Banken übertragen hätte.
Hinzu kommt, dass AIG eine Reihe anderer Institute gegen den Ausfall von Anleihen versichert hatte. Offenbar hatten Fed und Finanzministerium die Sorge, dass ein Ausfall dieser Absicherung ebenfalls weitere Banken oder Pensionsfonds in die Krise gezogen hätte. Mit Aussicht auf RenditeAnders als bei der Investmentbank Lehman Brothers ist zudem der Großteil des Geschäfts von AIG hoch solide. Das Verbriefungsmodell, an denen die Investmentbanken in den vergangenen Jahren hervorragend verdient haben, ist auf Jahre verbrannt. Die Gruppe der US-Investmentbanken muss sich auf rapide schrumpfende Geschäfte und einen Beschäftigungsabbau einstellen. Die Pleite einzelner Institute ist da nur eine Marktbereinigung.
Dieses Argument zieht bei einem Versicherungskonzern wie der AIG nicht: Die Menschen werden auch in Zukunft Lebens- oder Kfz-Versicherungen kaufen. Der allergrößte Teil des Konzerns erwirtschaftet solide Ergebnisse, die Vermögenswerte übersteigen klar die Zahlungsverpflichtungen.
Die verhältnismäßig gute Bilanzsituation des AIG-Konzerns birgt aus Paulsons Sicht zudem den Vorteil, dass die Rettung für den Steuerzahler verhältnismäßig billig werden könnte. Der 85-Milliarden-Dollar-Notkredit der Fed an AIG wird mit 8,5 Prozentpunkten über dem Interbankenzins verzinst - derzeit also mit deutlich über zehn Prozent. Gleichzeitig erhält die Regierung im Gegenzug einen Anteil von rund 80 Prozent an dem Versicherungskonzern. Gut möglich, dass sich die Rettungsaktion am Ende sogar als gewinnbringend für den Steuerzahler herausstellt, wenn sich die Märkte nach der Finanzkrise wieder erholen.

Teil 2: Fed muss wachsam bleiben

  • stern.de, 17.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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