Die Chefeinkäufer bei Temasek haben anscheinend kürzlich auf ihr Bloomberg-Terminal geschaut und sich gedacht: "Lohnt sich." Denn laut dem Datenanbieter beobachteten 41 Analysten die Aktie der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) (ICBC ). Ihr Votum zur größten Bank der Welt fiel eindeutig aus: 34 empfehlen "Kaufen", sechs "Halten" und nur einer "Verkaufen". Gedacht, getan. Der Staatsfonds aus Singapur machte ein Schnäppchen: Der Verkäufer, Goldman Sachs , gab Temasek noch einen Rabatt auf den Aktienkurs.
Dabei schien es, als trauten die Goldman-Chefs den Analysen aus dem eigenen Haus nicht oder würden sie gar nicht erst lesen. Denn unter den Kaufempfehlungen ist auch eine von Goldman Sachs gewesen, versehen mit einem deutlich höheren Kursziel als dem jetzigen Verkaufspreis. Insgesamt viermal hat Goldman nun seinen Anteil an der ICBC reduziert. Bis die Amerikaner ganz aussteigen, gilt nur als eine Frage der Zeit.
Nicht nur Goldman ist auf Verkaufstour in China. Zuletzt trennten sich etwa Citigroup und Bank of America von ihren Bankinvestments im Reich der Mitte. Der staatlich gestützte niederländische Finanzkonzern ING startete jüngst einem Reuters-Prozess zufolge den Verkaufsprozess für sein Lebensversicherungsgeschäft in Asien. Das Unternehmen muss bis Ende 2013 Versicherungs- und Investmentbereiche abstoßen. Die EU-Kommission hatte die Trennung zur Auflage für 10 Mrd. Euro Hilfen des niederländischen Staates gemacht. Die Royal Bank of Scotland trennte sich bereits 2009 von ihrem Anteil an der Bank of China , im März diesen Jahres kündigte Crédit Agricole den Verkauf seines gesamten asiatischen Brokergeschäfts an. Der deutsche Versicherungskonzern Allianz hat seit dem Jahr 2009 seine Anteile an der ICBC schrittweise um über 1 Mrd. Dollar verringert, um die eigene Kapitaldecke zu stärken.
Dass die großen Banken die Anteile, die sie vor fünf, sechs Jahren als großes strategisches Investment in die Zukunft erworben haben, Stück für Stück wieder losschlagen, liegt zum einen in den Heimatmärkten und zum anderen in China selbst begründet.
Teil 2: Eine noch attraktive Investition