Auf den ersten Blick mögen die Entscheidungen der US-Regierung willkürlich erscheinen. Die US-Investmentbank Lehman Brothers, einer der wichtigsten Spieler auf dem Derivatemarkt, wird nicht gerettet, der Versicherungskonzern AIG aber schon. Zusammengefasst begründen die Notenbank und das Finanzministerium das mit zwei Argumenten: Einmal sei AIG systemisch wichtiger gewesen als Lehman Brothers, zum zweiten sei bei AIG der Überraschungseffekt größer gewesen als bei Lehman Brothers.
Zur systemischen Bedeutung von AIG äußerte sich die Fed wie folgt: "Wir haben festgestellt, dass ein Zusammenbruch von AIG unter den aktuellen Umständen die Fragilität der Finanzmärkte noch zusätzlich verstärkt hätte. Das hätte die Kreditkosten erhöht, das Vermögen der Haushalte verringert und die wirtschaftliche Kraft geschwächt", hieß es in der offiziellen Stellungnahme dazu.
Experten verweisen in diesem Zusammenhang auf eine Besonderheit: Nicht die Versicherungsnehmer von AIG waren bedroht - sie haben Verträge mit AIG-Tochtergesellschaften, die gut kapitalisiert sind -, sondern beispielsweise viele Geldmarktfonds, die ihr Kapital in AIG-Papieren angelegt haben. Die Regierung fürchtete, so die dominierende Interpretation, dass im Falle einer AIG-Pleite die Krise auch auf vermeintliche sichere Anlageklassen wie Geldmarktfonds übergreifen könnte.
Erste bedrohliche Anzeichen gibt es bereits. So musste Reserve Primary Fund, der älteste Geldmarktfonds der USA, 785 Mio. $ auf Lehman-Verbindlichkeiten abschreiben. Allein in den vergangenen zwei Tagen zogen Investoren 60 Prozent aus dem 64,8 Mrd. $ schweren Fonds ab. Der Netto-Vermögenswert sank unter die Schwelle von 1 $ je Anteilswert, was im Fachjargon als "Break the buck" bezeichnet wird. Damit ist Reserve Primary Fund der erste Geldmarktfonds seit 14 Jahren, der unter die gesetzlich festgelegte Marke rutscht. 1994 hatte Community Bankers Mutual Fund aus Denver schließen müssen - wegen Investments in Zinsderivaten.