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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

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  17.09.2008, 10:26    

"Too big to fail": Warum Washington AIG rettet

Die Ereignisse in den USA überschlagen sich: Nach der Pleite von Lehman Brothers und dem Verkauf von Merrill Lynch springt die Regierung nun dem Versicherer AIG bei. FTD.de erklärt die Motive Washingtons - und wie das Rettungspaket aussieht.

von Tobias Bayer (Frankfurt)
Sie hatten alle um eine privatwirtschaftliche Lösung für AIG gerungen. Was versuchte Roger Willumstad, der scheidende Chef des Versicherers American International Group  (AIG), nicht alles: Da war die Rede von einem 70- bis 75-Mrd.-$-Kredit von den Banken Goldman Sachs  und JP Morgan . Da war die Rede von Beteiligungsgesellschaften. Und auch die deutsche Allianz  soll sich interessiert haben. Am Ende kam es anders: Die US-Regierung stützt den Versicherungskonzern mit einem Milliardenkredit von 85 Mrd. $.
Warum und wie Washington eingesprungen ist, erklärt FTD.de.
Die US-Notenbank Fed - mit der Unterstützung des Finanzministeriums - räumt AIG einen Kredit von bis zu 85 Mrd. $ ein. Die Laufzeit liegt bei zwei Jahren, der Zinssatz beträgt 8,5 Prozentpunkte über dem Londoner Interbankensatz Libor. Der liegt üblicherweise etwas über dem Leitzins von aktuell zwei Prozent. AIG muss also rund 9 Mrd. $ jährlich an Zinsen zahlen. Am Dienstag war der Libor-Satz sogar auf mehr als sechs Prozent gestiegen, da die Banken sich derzeit gegenseitig massiv misstrauen und deshalb eine hohe "Zitterprämie" verlangen.
Im Gegenzug erhält die Regierung einen Aktienanteil von 79,9 Prozent an dem Versicherungsunternehmen. Der öffentlichen Hand wird das Recht eingeräumt, Dividendenzahlungen an die Inhaber von Aktien und Vorzugsaktien zu stoppen. Der Kredit ist mit Firmenwerten besichert und soll über den Verkauf von Geschäftssparten zurückgezahlt werden.
Gesetzliche Grundlage ist der Abschnitt 13 (3) des Federal Reserve Act. Diese Regel räumt der Notenbank das Recht ein, Privatpersonen, Partnerships und Unternehmen zu unterstützen. Voraussetzung für das Eingreifen ist, dass ein Kredit auf anderem Wege nicht zu erhalten war. Der Zinssatz wird nach Abschnitt 14 d festgelegt. Darin heißt es: "Die Konditionen werden so bestimmt, dass es dem Tagesgeschäft zuträglich ist."
Maurice "Hank" Greenberg formte AIG in seiner 38-jährigen Amtszeit als Vorstandschef zu einem einzigartigen Versicherungskonzern. Über die Jahre wurde weit mehr angeboten als traditionelle Versicherungsprodukte wie beispielsweise Lebensversicherungen. Greenberg schmiedete ein weltweit tätiges Unternehmen - und entfernte sich von den eigentlichen Kernaufgaben. Nur ein Beispiel: 1990 kaufte er International Lease Finance Corp, eine Flugzeugleasinggesellschaft. 2005 musste Greenberg wegen eines Bilanzskandals zurücktreten.
Die Komplexität des Unternehmens - Analysten sprachen im vergangenen Jahr von einer "Black Box" - mag eine Ursache sein, warum AIG die Risiken unterschätzte. 41 Mrd. $ musste der Versicherer im Zuge der Kreditkrise abschreiben, die Verluste allein in den vergangenen drei Quartalen beliefen sich auf 18 Mrd. $.
Der Großteil der Wertberichtigungen ging auf Super-Senior-Finanzinstrumente zurück. Das sind Schuldnerpapiere, die im Falle eines Zahlungsausfalls als erstes bedient werden und deshalb als sicher galten. Doch genau diese Instrumente verloren an Wert - was AIG aus Sicht der Experten viel zu spät erkannte. Anfangs gestand das Unternehmen nur 1,5 Mrd. $ an Verlusten ein. Die Zahl wurde dann anschließend sukzessive revidiert. Ebenfalls als problematisch erwies sich die Absicherung für 441 Mrd. $ an Anleiheversicherungen für Banken und andere Unternehmen, darunter auch 57,8 Mrd. $ an Subprime-Engagements.
Existenzbedrohend wurde die Krise, als die Ratingagenturen AIG herabstuften. Das führte umgehend dazu, dass das Unternehmen mehr Sicherheiten hinterlegen musste - und die Kapitalreserven aufgezehrt wurden.
Auf den ersten Blick mögen die Entscheidungen der US-Regierung willkürlich erscheinen. Die US-Investmentbank Lehman Brothers, einer der wichtigsten Spieler auf dem Derivatemarkt, wird nicht gerettet, der Versicherungskonzern AIG aber schon. Zusammengefasst begründen die Notenbank und das Finanzministerium das mit zwei Argumenten: Einmal sei AIG systemisch wichtiger gewesen als Lehman Brothers, zum zweiten sei bei AIG der Überraschungseffekt größer gewesen als bei Lehman Brothers.
Zur systemischen Bedeutung von AIG äußerte sich die Fed wie folgt: "Wir haben festgestellt, dass ein Zusammenbruch von AIG unter den aktuellen Umständen die Fragilität der Finanzmärkte noch zusätzlich verstärkt hätte. Das hätte die Kreditkosten erhöht, das Vermögen der Haushalte verringert und die wirtschaftliche Kraft geschwächt", hieß es in der offiziellen Stellungnahme dazu.
Experten verweisen in diesem Zusammenhang auf eine Besonderheit: Nicht die Versicherungsnehmer von AIG waren bedroht - sie haben Verträge mit AIG-Tochtergesellschaften, die gut kapitalisiert sind -, sondern beispielsweise viele Geldmarktfonds, die ihr Kapital in AIG-Papieren angelegt haben. Die Regierung fürchtete, so die dominierende Interpretation, dass im Falle einer AIG-Pleite die Krise auch auf vermeintliche sichere Anlageklassen wie Geldmarktfonds übergreifen könnte.
Erste bedrohliche Anzeichen gibt es bereits. So musste Reserve Primary Fund, der älteste Geldmarktfonds der USA, 785 Mio. $ auf Lehman-Verbindlichkeiten abschreiben. Allein in den vergangenen zwei Tagen zogen Investoren 60 Prozent aus dem 64,8 Mrd. $ schweren Fonds ab. Der Netto-Vermögenswert sank unter die Schwelle von 1 $ je Anteilswert, was im Fachjargon als "Break the buck" bezeichnet wird. Damit ist Reserve Primary Fund der erste Geldmarktfonds seit 14 Jahren, der unter die gesetzlich festgelegte Marke rutscht. 1994 hatte Community Bankers Mutual Fund aus Denver schließen müssen - wegen Investments in Zinsderivaten.
Als erstes wechselte US-Finanzminister Henry Paulson den Vorstandschef aus. Roger Willumstad, seit 2006 im Amt, musste zurücktreten. Ihn ersetzt Edward Liddy, der zuvor den Versicher Allstate geleitet hatte. Allstate ist grundverschieden von AIG: Das Unternehmen verkauft Auto- und Immobilienversicherungen an US-Privatkunden.
Liddy hat Erfahrungen beim Schrumpfen von Firmenimperien. In den 90er-Jahren half er dabei, den Einzelhandelsgiganten Sears Roebuck zu zerlegen, daraus ging dann auch Allstate hervor. Zwischen Paulson und Liddy gibt es auch persönliche Verbindungen: Der Ex-Allstate-Chef sitzt im Verwaltungsrat der Investmentbank Goldman Sachs, dem früheren Arbeitgeber des Finanzministers.
Seine Expertise als Restrukturierer wird Liddy sofort unter Beweis stellen müssen. Es wird damit gerechnet, dass Sparten verkauft werden. Zur Disposition steht die Flugzeugleasing-Gesellschaft ILF. Als ein potenzieller Investor gilt ein Konsortium um den Firmengründer Steven Udvar-Hazy, schreibt das "Wall Street Journal". Auch das Annuitätengeschäft könnte abgespalten werden.
  • FTD.de, 17.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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