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Merken   Drucken   04.01.2006, 21:10 Schriftgröße: AAA

Tops + Flops 2006: Europas Börsenbetreiber - Aktionäre forcieren Konzentration

Wie sind die Konzerne für 2006 gerüstet? Die heutige Folge der FTD-Serie analysiert Europas Börsenlandschaft. Sie könnte sich grundlegend ändern - auch dank Finanzinvestoren. Europas Börsenbranche steht 2006 ganz im Zeichen der Konsolidierung. von Meike Schreiber
Ein Kombibild zeigt ein Schild der Euronext (oben) und eine Fahne ...   Ein Kombibild zeigt ein Schild der Euronext (oben) und eine Fahne der Deutsche Börse Group
Experten sind jedoch uneins, ob es dabei zwischen den drei großen europäischen Börsen und den zahlreichen kleineren Handelsplätzen auf Kooperationen oder vielmehr Fusionen und Übernahmen hinausläuft. "Die Konsolidierung wird das beherrschende Thema bleiben, aber viele Prozesse werden längere Zeit benötigen, als oftmals öffentlich suggeriert wird", sagt Börsenexperte Peter Gomber vom Frankfurter Lehrstuhl für E-Finance.
2005 waren in Europa alle Bemühungen gescheitert, obwohl seit Jahren über eine Konzentration der Branche diskutiert wird. Noch immer ist die heiß umworbene London Stock Exchange (LSE) eigenständig, obwohl sie sich binnen eines Jahres gleich drei Avancen stellen musste. Befürworter der Konsolidierung verweisen in der Regel auf die hohen Synergiepotenziale gemeinsamer Handelssysteme. Gegner sehen jedoch den Wettbewerb in Gefahr und fürchten die Preismacht der Handelsplätze.
Die Sicht der Wettbewerbshüter ist unklar
Mit den Aktionären der Börsen tauchten im vergangenen Jahr außerdem zum ersten Mal neue mächtige Spieler auf der Bühne auf, die auch in diesem Jahr ein Wörtchen mitreden werden: Denn nicht nur am Widerstand von Management und Börsenkunden in der City waren die LSE-Übernahmeversuche durch die Deutsche Börse und die Mehrländerbörse Euronext gescheitert, zuletzt ließen sich kritische Aktionäre der Deutschen Börse, vorzugsweise Hedge-Fonds, nicht von dem aus ihrer Sicht kostspieligen Vorhaben überzeugen.
Ungeklärt ist auch nach wie vor die Sicht der Wettbewerbshüter. "Wir wissen immer noch nicht genau, wie die Wettbewerbsbehörden einen Zusammenschluss der drei großen Börsen sehen würden, man kann aber wohl davon ausgehen, dass sie bereits eine Fusion von zweien als bedrohlich einstufen", sagt Dirk Schiereck vom Stiftungslehrstuhl Bank- und Finanzmanagement an der European Business School in Oestrich-Winkel. "Es wird daher jemand versuchen, die EU-Kommission zu testen."
Europas große Börsen und ihre Standorte   Europas große Börsen und ihre Standorte
Dies könnte bald geschehen. Im Dezember hatte die australische Investmentbank Macquarie ihr Übernahmeangebot für die Londoner Börse abgegeben, und auch die in Paris ansässige Euronext schickt sich an, hier Ernst zu machen. Währenddessen spricht Euronext-Chef Jean-Francois Théodore aber bereits mit seinem Gegenpart Reto Francioni von der Deutschen Börse über Kooperationen. Treibende Kraft könnten auch hier die Aktionäre sein, die sich bereits zahlreich für einen Zusammenschluss von Deutscher Börse und Euronext ausgesprochen haben. Da diese angelsächsischen Fonds sowohl an der Euronext als auch am Frankfurter Börsenbetreiber beteiligt sind, haben sie durchaus Aussicht auf Erfolg. Jede Börse könnte ins Visier genommen werden Ohnehin werden Finanzinvestoren künftig eine starke Rolle spielen. "Der relativ neue Trend wird sich fortsetzen, wonach Finanzinvestoren die Börsen entdecken", sagt Susanne Klöß, Geschäftsführerin bei der Beratungsgesellschaft Accenture in Deutschland und weltweit verantwortlich für den Bereich Kapitalmarktinstitutionen. Beispiele finden sich weltweit: Die US-Terminbörse New York Mercantile Exchange (Nymex) verkaufte einen zehnprozentigen Anteil an die Beteiligungsgesellschaft General Atlantic, der Hedge-Fonds Citadel stieg bei der Philadelphia Stock Exchange ein und die LSE sieht sich der Macquarie-Offerte gegenüber. In erster Linie interessieren sich die Investoren für den stabilen Barmittelzufluss bei den quasi-monopolistischen Börsen. "Diese Investoren erhoffen sich durch ihr Engagement aber auch stärkeren Einfluss auf die Infrastruktur", sagt Beraterin Klöß. Man könne es für keine Börse ausschließen, dass sie ins Visier von Finanzinvestoren gerate. Für die Nutzer steigt damit das Risiko höherer Handelspreise. Aber nicht nur die Konsolidierung, auch die Regulierung birgt für die Börsen dieses Jahr Herausforderungen. Wichtigstes Thema ist die Richtlinie für Märkte in Finanzinstrumenten (Mifid), mit der die EU gleiche Voraussetzungen für Banken und Börsen im Wertpapierhandel schaffen will. So soll die bankinterne Ausführung von Anlegeraufträgen (Internalisierung) europaweit erlaubt werden. Zwar ist der Start der Mifid erst für 2007 angepeilt, aber, so Börsenexperte Schiereck, "sie wirft 2006 ihre Schatten voraus. Die Börsen werden ihre Prozesse optimieren müssen". Auf- und Absteiger Deutche Börse Anders als sein Vorgänger Werner Seifert gilt der neue Börsenchef Reto Francioni als geschickt im Ausloten von Allianzen. Denkbar sind Fusionen und Kooperationen. London Stock Exchange Weder die Aktionäre noch das Management der LSE haben Interesse an einem Verkauf. Auf sich gestellt ist sie jedoch voll von ihren Kassamarktprodukten abhängig. Euronext Die Mehrländerbörse hat mehrere Optionen: Kommt sie in London nicht zum Zug, bleibt immer noch die Kooperation mit Frankfurt, Madrid oder Mailand.
  • Aus der FTD vom 05.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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