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Merken   Drucken   16.05.2012, 17:05 Schriftgröße: AAA

Werbung von Neukunden: Der Verdrängungsstreit der Banken

Auch ohne Hilfe sind die Genossenschaftsbanken glimpflich durch die Finanzkrise gekommen. Sie kritisieren, dass staatlich gestützte Institute mit Lockangeboten neue Kunden ködern. Auch die Politik klagen sie an.
von André Schmidt-Carré

Ein Blick auf die Konditionen beim Tagesgeld zeigt große Unterschiede: Das Onlineangebot der Raiffeisenbanken liegt deutlich unter einem Prozent, das der Konkurrenz in der Spitze bei mehr als zweieinhalb Prozent. Damit verdienen die Banken zwar kein Geld, locken aber neue Kunden an. Den genossenschaftlichen Kreditinstituten passt das verständlicherweise nicht. Und sie haben ein Ventil gefunden, um ihrem Ärger Luft zu machen. "Staatlich gestützte Banken können das Geld der Steuerzahler nutzen, um mit Kampfkonditionen auf Kundenfang zu gehen", sagt Joachim Wuermeling, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Sparda-Banken. "Damit greift die Politik massiv in den Markt ein und verzerrt den Wettbewerb."

Experten können die Kritik der Genossen nachvollziehen. "Einige private Banken subventionieren ihr Einlagengeschäft, um Neukunden zu gewinnen", sagt Hans-Peter Burghof vom Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. "Wenn darunter Institute sind, die gleichzeitig staatliche Hilfen in Anspruch nehmen, ist das aus Sicht der Genossenschaften natürlich ärgerlich." Die Genossenschaftsbanken sehen sich mit ihrer Kritik an der Konkurrenz im Recht. Sie haben die Finanzkrise ohne Hilfe gemeistert, dementsprechend groß ist das Misstrauen gegenüber der staatlich gestützten Konkurrenz. Nicht nur bei den Sparda-Instituten, sondern auch bei anderen Genossenschaftsbanken. "Wir beobachten nach wie vor Einzelfälle, in denen staatlich gestützte Institute mit marktfernen und betriebswirtschaftlich fragwürdigen Konditionen im Markt operieren", sagt Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).

Anlass der Kritik ist die Reaktivierung des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes zur Neuauflage eines Bankenrettungsfonds (Soffin). Das Gesetz spannt wie schon nach der Finanzkrise einen Rettungsschirm für Kreditinstitute auf, 480 Mrd. Euro stehen in Form von Garantien und Krediten bereit. Ein Stresstest der europäischen Bankenaufsicht EBA hatte Ende 2011 einen Kapitalbedarf in Höhe von rund 13 Mrd. Euro bei sechs deutschen Kreditinstituten offenbart, allein die Commerzbank muss demnach bis Mitte des Jahres rund 5 Mrd. Euro auftreiben. Bei der Neuauflage dieses Schirms Anfang des Jahres pochten die Genossenschaftsbanken darauf, dass das Wettbewerbsgebaren von Banken, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, genau überwacht wird. In der Gesetzesbegründung heißt es nun, dass Stabilisierungsmaßnahmen Verzerrungen des Wettbewerbs nach sich ziehen können. Die Genossen sehen sich insbesondere im Hinblick auf Einlage- und Kreditkonditionen bestätigt: "Wir wünschen uns, dass diese Konkretisierungen nun auch konsequent in der Praxis gelebt werden", sagt BVR-Präsident Fröhlich.

Sanktionen sind kaum umsetzbar

Ob das passiert, bleibt abzuwarten. Zunächst einmal wollen die im Stresstest aufgefallenen Banken das nötige Kapital selbst auftreiben. Und auch wenn eine Bank den Soffin II in Anspruch nimmt und mit besonders günstigen Konditionen um neue Einlagenkunden werben sollte, sind Sanktionen gegen die Bank noch längst nicht ausgemacht. "Die angesprochene Passage steht nur in der Gesetzesbegründung und nicht im Gesetz selbst und dürfte entsprechend weich ausgelegt werden", sagt Klaus Fleischer, Professor für Finanz- und Bankwirtschaft an der Hochschule München. Er hält Sanktionen auch praktisch für kaum umsetzbar. "Es ist schwer nachweisbar, wann genau ein Kreditinstitut mit wettbewerbsverzerrenden Bedingungen am Markt agiert", sagt Fleischer. "Das wissen auch die Genossenschaftsbanken selbst. Ich sehe den Protest der Genossen denn auch eher als politische Speerspitze gegen die ungeliebte Konkurrenz. Der Kuchen im Bankengeschäft ist verteilt und der Wettbewerb entsprechend hart."

Nötig haben die Genossen das Feilschen um Einlagen derzeit nicht. Die Banker agieren seit der Finanzkrise aus einer starken Position, bei Kunden können sie mit Solidität punkten. Viele Sparer vertrauen ihr Geld den vermeintlich langweiligen Genossenschaftsbanken an, auch wenn es dafür weniger Zinsen gibt als anderswo. "Die Institute konnten seit der Finanzkrise beim Image sicherlich zulegen. Viele Kunden wollen nicht mehr zu den Großbanken, die nur auf ihre Rendite schielen", sagt Fleischer. Die Genossen profitieren, die Sparda-Banken etwa konnten in fast allen Geschäftsbereichen deutlich wachsen und haben mit 3,32 Millionen Mitgliedern so viele wie nie zuvor. "Wir sind zuversichtlich, dass wir unseren Erfolgs- und Wachstumskurs auch im laufenden Jahr weiter fortsetzen", sagt Sparda-Verbandschef Joachim Wuermeling.

Ungemach könnte den Genossenschaftsbanken allerdings von internationaler Seite drohen. Vor allem die immer aufwendigeren Regulierungsvorschriften der europäischen Bankenaufsicht EBA könnten Probleme bereiten. "Als Banken mittlerer Größe leiden wir naturgemäß stärker unter den hohen bürokratischen Lasten als große Institute", sagt Wuermeling. Denn der wachsende Aufwand etwa an Fachkräften und IT und die daraus resultierenden steigenden Fixkosten schlagen bei ihnen gemessen an den Gesamtausgaben besonders stark zu Buche. Ob es Ausnahmen für kleine und dezentral organisierte Institute wie Genossenschaftsbanken geben sollte, ist umstritten. "Die Aufsicht schert große und kleine Banken über einen Kamm, was nicht sinnvoll ist", sagt Experte Burghof. "Man muss die großen und systemrelevanten Banken stärker kontrollieren als bislang. Bei kleinen Instituten, wie es die meisten Genossenschaftsbanken sind, halte ich das aber nicht für nötig." Die Genossen machen sich deshalb für Regeln stark, die die Größe von Kreditinstituten berücksichtigen und kleinere Banken entsprechend weniger streng behandeln. Bankenforscher Fleischer hält solche Ausnahmeregelungen aber für schwer umsetzbar: "Es dürfte schwierig sein, hier eine sinnvolle Grenze zu finden. Und wenn es sie gäbe, würden sich große Banken möglichst klein rechnen und damit Regelungen umgehen."

Experten sehen Genossenschaftsbanken jedoch als wichtigen Faktor für einen funktionierenden Wettbewerb. Denn jenseits der schmalen Einlagenverzinsung seien die Institute ein Garant für günstige Konditionen. "Im Vergleich zum EU-Ausland und den USA sind Standardbankleistungen wie Kontoführung in Deutschland deutlich preiswerter", sagt Bankenforscher Burghof. Das liege an der Vielzahl der Banken, die es den Großinstituten unmöglich mache, den Markt unter sich aufzuteilen.

  • FTD.de, 16.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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