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Merken   Drucken   12.07.2012, 21:15 Schriftgröße: AAA

Zinsmanipulation: Libor-Lüge kann Milliarden kosten

Analysten schätzen das kumulierte Haftungsrisiko der Banken für die Zinsmanipulationen auf 6,2 Mrd. Dollar. Dadurch erwächst aus der Libor-Lüge ein ernstes wirtschaftliches Risiko.
von Frankfurt

Die Manipulation des Interbankenzinssatzes Libor kann für die darin verwickelten Geldhäuser ein milliardenteures Nachspiel haben. Die Analysten von Morgan Stanley schätzen den durch die Schiebereien entstandenen Schaden für die Weltwirtschaft auf rund 17,1 Mrd. Dollar (14 Mrd. Euro). Basierend auf einer Erfolgsquote von 36 Prozent, die sich aus den bisherigen Schadensersatzprozessen seit der Finanzkrise ergibt, beziffern sie das Haftungsrisiko auf insgesamt 6,2 Mrd. Dollar oder fast 400 Mio. Dollar für jede der 16 angeklagten Banken.

Der Libor-Skandal stellt für die unter Verdacht stehenden Geldhäuser, darunter die Deutsche Bank , somit ein ernstes wirtschaftliches Risiko dar. Denn ihnen drohen zugleich hohe Bußgelder der Aufsichtsbehörden. Nach Schätzungen von Morgan Stanley könnten die Regulierer Strafen von jeweils 460 bis 850 Mio. Dollar verhängen. Die Prognose basiert auf dem Bußgeld gegen Barclays , die bisher als einzige Bank die Manipulation gestanden hat. Bankchef Bob Diamond kostete die Affäre den Job.

Der frühere Barclays-Chef Bob Diamond   Der frühere Barclays-Chef Bob Diamond

Die Aufsichtsbehörden in Großbritannien und den USA ermitteln gegen rund 20 Banken wegen des Betrugsverdachts. Sie sollen von 2005 bis 2009 den Libor (London Interbank Offered Rate) manipuliert haben, um sich stabiler darzustellen und günstiger refinanzieren zu können. Der Libor ist der Referenzsatz für Interbankenkredite und wird vom britischen Bankenverband täglich für zehn Währungen ermittelt, darunter der Dollar  und der Euro . Bis zu 18 Banken melden den Zins, zu dem sie Gelder anderer Häuser angeboten bekommen. Daraus wird ein Durchschnitt ermittelt. In den USA steht neben Barclays vor allem die UBS  im Fokus der Ermittler.

Den Schaden haben Investoren und andere Banken. Denn der Libor ist zugleich Basis für Kredite und Derivate im Nominalwert von schätzungsweise 350.000 Mrd. Dollar. Vor einem Bundesgericht in New York sind bereits mehrere Einzelklagen zu einer Sammelklage zusammengefasst worden. Zu den Klägern zählen etwa eine Investmentfirma der Privatbank Metzler als auch die Stadt Baltimore und ihre Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake. Die Metropole hat mit den Banken Zinsabsicherungsgeschäfte in Millionenhöhe abgeschlossen. Inzwischen prüfen auch erste US-Bundesstaaten, ob die Vorwürfe für Klagen ausreichen. Man arbeite mit anderen Justizministerien zusammen, um zu ermitteln, ob dem Bundesstaat Verluste entstanden seien, sagte ein Sprecher des Staats Massachusetts. Auch Florida hat Untersuchungen aufgenommen.

Die Notenbank von New York hat nach eigener Aussage bereits vor vier Jahren auf Unregelmäßigkeiten bei der Festsetzung des Libor hingewiesen und Reformen angemahnt. Die Aufsicht der Wall-Street-Banken will an diesem Freitag Belege dafür vorlegen, sagte ein Vertreter der New Yorker Fed.

Den Klägern kommt die Veröffentlichung gelegen. Dadurch fällt es ihnen womöglich leichter, den Banken Vergehen nachzuweisen. Sie müssen jedoch jedes einzelne Institut des Betrugs überführen. Für die Höhe der Entschädigung spielt die Zahl der verurteilten Banken wohl keine Rolle. Denn bei Schadensersatzprozessen in den USA gilt oft das Prinzip der gesamtschuldnerischen Haftung. Das bedeutet, dass eine überführte Bank für den vollen Schaden aufkommen müsste, unabhängig vom Ausmaß der eigenen Schuld. Ein verurteiltes Institut muss somit hoffen, dass weitere Banken überführt werden.

Lange Liste
In der Affäre um Zinsmanipulationen ermitteln Behörden in Europa, Japan und den USA gegen rund 20 Banken weltweit. Dazu gehören:
Bank of America Die Bank wurde vom Broker Charles Schwab verklagt.
Barclays Die britische Bank hat als bisher einziges Institut Fehlverhalten eingeräumt und 450 Mio. Dollar Strafe akzeptiert.
Mitsubishi-UFJ Die Schweizer Behörden ermitteln gegen das japanische Geldhaus Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ.
Citi Die US-Bank hat eingeräumt, dass gegen Töchter ermittelt wird.
Credit Suisse Die Schweizer Bank wird von den heimischen Behörden durchleuchtet.
Deutsche Bank Gegen den deutschen Branchenprimus wird in den USA und Europa ermittelt. Wegen Libor gibt es in den USA bereits Klagen. In Deutschland hat die Aufsicht BaFin eine Sonderprüfung eingeleitet. Zwei Mitarbeiter hat das Geldhaus suspendiert.
HSBC Die britische Bank hat erklärt, die Aufseher hätten sie um Informationen im Zusammenhang mit den Libor-Ermittlungen gebeten.
JP Morgan Die Bank taucht auch als Beschuldigte in US-Klagen auf.
Lloyds, RBS Lloyds und Royal Bank of Scotland haben Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt und tauchen in US-Klagen zu Libor auf.
UBS Die Schweizer Bank hofft als Kronzeuge bei den Libor-Ermittlungen auf Milde.

Reuters

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