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Merken   Drucken   22.06.2008, 20:34 Schriftgröße: AAA

Agenda: Air Berlins Notlandung

Im Alleingang wollte Joachim Hunold Air Berlin zur global operierenden Airline machen. Doch jetzt muss er seine Wachstumspläne begraben. Die Kosten explodieren, die Aktie stürzt ab - und so gerät der Chef zunehmend unter Beschuss. von Matthias Lambrecht und Leo Klimm (Hamburg)
In der Warteschleife ist die Welt von Air Berlin  noch in Ordnung. "Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf: unsere Air Berlin", trällert es aus dem Hörer, während die Anrufer bei der Fluggesellschaft darauf warten, durchgestellt zu werden.
Die Melodie stimmt: Die eigens für die Airline komponierte Firmenhymne hat das Zeug zum Ohrwurm. Der Text hat mit der Wirklichkeit im Unternehmen kaum noch etwas zu tun: Zwar mag es sein, dass Konzernchef Joachim Hunold  Flugzeuge im Bauch hat, wenn er sich Dienstag auf der Hauptversammlung den enttäuschten Aktionären stellen muss, die Erklärungen für den rasanten Kursverfall suchen. Aber Kerosin dürfte ihm wegen des sprunghaft steigenden Preises nur Kopfzerbrechen bereiten. Und dass er seine Airline wirklich durch die Unwetter steuern kann, die sich gerade zur größten Branchenkrise seit Jahrzehnten aufstauen, das muss Hunold erst beweisen.
Immer mehr Investoren und Analysten haben ihre Zweifel an dem umtriebigen wortgewaltigen Manager. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Aktie von Air Berlin mehr als zwei Drittel ihres Werts verloren, der Kurs fiel zwischenzeitlich unter 5 Euro. Reihenweise raten die Branchenexperten der Banken zum Verkauf des Papiers, korrigieren ihre Erwartungen immer weiter nach unten. Die Analysten von Morgan Stanley rechnen inzwischen mit einem Kurs von 2 Euro. Der einstige Überflieger droht zum Pennystock zu verkommen.
Für Hunold wäre das ein Fiasko. Nicht so sehr wegen der 3,2 Prozent, die er noch an Air Berlin hält. Es geht um viel mehr: sein Lebenswerk, sein Baby. Der Ex-LTU-Manager hat aus der einstigen Mini-Airline mit zwei Fliegern binnen 15 Jahren Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft gemacht. Wachstum um fast jeden Preis - so lautete seine Strategie. Aber die lässt sich nun nicht mehr durchhalten.
Mit mehr als 120 Jets, knapp 8500 Mitarbeitern und gut 28 Millionen Passagieren im Jahr ist Air Berlin der einzige ernst zu nehmende Rivale der Lufthansa in Deutschland. Und verantwortlich dafür ist Joachim Hunold. Er hat Air Berlin im Alleingang groß gemacht. Er hat den Nischenanbieter in einen der führenden deutschen Charterflieger verwandelt, der den lukrativen Shuttleverkehr nach Mallorca kontrolliert. Er hat den Einstieg in den Linienluftverkehr gewagt, er hat sich die Konkurrenten DBA und LTU einverleibt. Und er hat den Konzern im Mai 2006 an der Börse platziert: mit dem Ziel, Air Berlin zu einer global operierenden Gesellschaft zu machen.
Doch mit der Führung einer börsennotierten Airline tut sich der zupackende mittelständische Unternehmer schwer. Hunold, der in den Editorials der Air-Berlin-Bordmagazine gern in die Vollen geht und gegen Gewerkschaftsbosse oder Politiker wettert, lässt im Umgang mit Investoren und Analysten das Fingerspitzengefühl vermissen. Die anfängliche Euphorie an den Märkten ist längst verflogen. Zum Unmut der Aktionäre hat das Management gleich mehrfach binnen wenigen Monaten seine Gewinnziele nach unten korrigiert. "Air Berlin hätte besser kommunizieren müssen, dass der Integrationsprozess mehrere Jahre braucht und man bis dahin keine großen Ergebnissprünge erwarten kann", kritisiert Jürgen Ringbeck, Luftfahrtexperte bei der Unternehmensberatung Booz & Company.

Teil 2: Insider bemängeln Eignung des Managements

  • Aus der FTD vom 23.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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