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Merken   Drucken   17.06.2004, 20:42 Schriftgröße: AAA

Agenda: Alm-Aldi

Der deutsche Discounter setzt zum Angriff auf die Schweiz an. In kurzer Zeit wollen die Albrecht-Brüder mit 60 Filialen das Handelsduopol der Eidgenossen knacken. Doch restriktive Bauvorschriften und klagefreudige Anwohner gefährden das Vorhaben der Geheimniskrämer. von Anton Notz, Romanshorn
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Die Angriffsfläche auf der grünen Wiese ist bereits abgesteckt. Sie misst exakt 3695 Quadratmeter, und sie liegt strategisch günstig: an einer Hauptstraße, über die tagein, tagaus der Grenzverkehr zwischen Romanshorn und Konstanz fließt.
Hier, am Schweizer Ufer des Bodensees, wo sich die heile Welt im Wasser spiegelt, soll der Vorstoß seinen Ausgang nehmen. Von hier aus soll die eidgenössische Heimeligkeit zerstört werden. Genau hier wird Aldi seinen Supermarkt hinsetzen, den ersten in Heidi-Land, und ein ehernes Duopol aufbrechen.
Mächtige Discounter gibt es bisher nicht. Seit Jahrzehnten schon beherrschen die Handelsriesen Migros und Coop den Einzelhandel der Eidgenossen. Die Stellung der Marktführer ist so stark wie in keinem anderen Land Europas: Knapp drei Viertel des Multimilliardengeschäfts mit Lebens- und Genussmitteln machen die beiden Genossenschaften unter sich aus. "Die sind relativ nett zueinander", sagt David Bosshart, Chef des Zürcher Forschungsinstituts GDI. "Einen Preiskampf haben wir nie wirklich erlebt."
Überfallartige Truppenbewegungen
Deutschlands Dumpingkönige wollen das ändern. Theo und Karl Albrecht, die Aldi-Brüder aus dem Ruhrgebiet, haben sich zum Rütli-Schwur zusammengetan. Theo soll mit Aldi Nord gen Schweden ziehen; und Karl mit den Truppen seines Handelskonzerns Aldi Süd, der in 50 Gesellschaften mehr als 2800 Filialen betreibt und bereits nach Australien, Großbritannien, Irland, Österreich sowie in die USA ausgreift, in die Schweiz vorstoßen. Überfallartig.
Innerhalb kürzester Zeit sollen 60 neue Supermärkte aus dem Boden gestampft, nach einer Anfangsoffensive Stadt für Stadt weiteres Terrain erobert werden. Branchenkenner schätzen die Investitionen in einer ersten Phase auf rund 70 Mio. Euro. In der Aldi-Zentrale, wo ähnliche Kommunikationsregeln gelten wie in einem Trappistenkloster, wird dies nicht kommentiert. Nur so viel verlautet: "Wir führen intensive Gespräche mit den Schweizer Kommunen."
Wie üblich, geht es bei den erfolgsverwöhnten Geheimniskrämern auch diesmal nicht ohne Obskuritäten ab. Statt mit offenem Visier anzutreten, schickt Karl Albrecht Unbekannte vor. So hat ein Unternehmen namens Profecta in der Gemeindeverwaltung Romanshorn den Bauantrag gestellt.
"Spaß ab Windstärke acht"
Bei der am 15. März gegründeten, unter den Ziffern 02.177/608 CH-440.3.017.036-4 ins Handelsregister eingetragenen Profecta Handels AG lässt nichts auf eine Verbindung mit Aldi schließen. Sitz der Firma mit 250.000 Franken Aktienkapital ist das Städtchen Tägerwilen im Kanton Thurgau, als Unternehmenszweck wird angegeben: An- und Verkauf, Herstellung und Veredelung sowie Im- und Export von Gütern des täglichen Bedarfs.
Statthalter der Aldi-Interessen bei Profecta ist Marcel Rutishauser, ein diplomierter Betriebswirt und Wirtschaftsprüfer, der von sich sagt: "Der Spaß fängt erst bei Windstärke acht so richtig an" - ob im Business oder auf dem Bodensee. Hauptberuflich ist Rutishauser Geschäftsführer und Mitinhaber eines Gründerzentrums in Tägerwilen, in dem sich rund 30 Firmen angesiedelt haben: neuerdings auch Profecta.
Wird der smarte Lockenkopf, der für die Prüfungsgesellschaft KPMG einst Unternehmen wie ABB konsolidierte, auf Aldi angesprochen, antwortet er einsilbig: "Da wird viel spekuliert. Mehr will ich nicht sagen." Nichts darüber, wo überall Profecta im Auftrag des deutschen Handelsriesen Schweizer Grundstücke aufkaufen soll. Nichts darüber, wie viele Läden Aldi aufbauen will. Nichts über seine Mitgesellschafter bei der Profecta.
Notgedrungener Bruch mit Grundsatz
Deren Rolle bleibt im Dunkeln: Als Präsident der Profecta fungiert Holger Fiebiger, ein Aldi-Vasall aus der Oberpfalz. Weiterer Gesellschafter ist Kaspar Landolt, ein Zürcher Anwalt, spezialisiert auf Wirtschafts- und Unternehmensrecht. "Ich weiß sehr wenig über Profecta, stehe nur in einem Treuhandverhältnis und bin im Verwaltungsrat", sagt Landolt. Sind die drei Herren Strohmänner? Ist die Profecta eine Briefkastenfirma? Landolt weist den Verdacht nicht zurück.
Hätte Profecta keinen Bebauungsplan einreichen müssen, wären Aldis Expansionspläne in der Schweiz nach wie vor ein Geheimnis. So aber musste der öffentlichkeitsscheue Konzern notgedrungen mit seinem Grundsatz brechen, Geschäftsangelegenheiten nicht zu kommunizieren, und engagierte einen Sprecher - eine Position, die im Heimatland der Albrecht-Brüder nicht vorgesehen ist. Sven Bradke soll bei den Eidgenossen um Vertrauen werben. Schließlich entscheiden Stadt- und Gemeinderäte, ob und wo sich die Deutschen ansiedeln dürfen. Der Konzern ist fest entschlossen, die Alpenrepublik aufzumischen. "Hat sich Aldi einmal zur Expansion entschlossen, wird das konsequent umgesetzt", beteuert Bradke.
Der Schritt über die Grenze ist für den Discounter die logische Konsequenz aus der schwierigen Marktlage daheim. In Deutschland stößt Aldi an Wachstumsgrenzen, der Wettbewerb mit Lidl & Co wird immer schärfer. Im Nachbarland hingegen locken Gewinnmargen beinahe so hoch wie der Kakaogehalt Schweizer Schokolade. Viele Dinge des täglichen Bedarfs sind in Basel oder Bern doppelt so teuer wie in Bingen oder Berlin.
Schweizer durch geschickte Kundenbindung in der Tasche
Migros und Coop haben die Schweizer in der Tasche. Wer nicht für den Einkauf über die Grenze flüchten und bei Aldi oder Lidl das Auto voll packen kann, kommt an den heimischen Händlern kaum vorbei - Discounter wie Denner haben zusammen gerade mal einen Marktanteil von zehn Prozent.
Geschickt binden Migros und Coop die Kundschaft an sich. Um die Vorteile der Bonuskarte zu nutzen, kommen Einkäufer immer wieder in die Geschäfte. Und für ein paar Franken erwerben viele einen Anteilsschein, der ihnen außer dem Bezug der Genossenschaftszeitung nur einen Vorteil bietet: sich im Glauben zu wiegen, irgendwie am großen Ganzen beteiligt zu sein. Der Volks-Coop (Umsatz 2003: gut 11 Mrd. Euro) kann auf gut zwei Millionen Genossenschafter zählen, Branchenprimus Migros (14,59 Mrd. Euro Umsatz) auf 1,6 Millionen. Doch wie lange ist auf sie noch Verlass, wenn Aldi kommt?
Der Einstieg für einen Neuling ist in der EU-resistenten Schweiz so schwierig wie in kaum einem anderen europäischen Land. Jeder der 26 Kantone hat seine eigenen Umweltgesetze und Bauvorschriften, Vereinigungen aller Art nehmen extensiv ihr Recht auf Verbandsklage in Anspruch. "Wir achten exakt darauf, ob die Vorschriften eingehalten werden", sagt Adrian Schmid vom Verkehrsclub der Schweiz (VCS). Anders als der ADAC macht sich der VCS dafür stark, dass nicht so viele Parkplätze gebaut werden. Interessengruppen haben die heimischen Handelsketten fest im Griff. "Die werden bei Aldi noch staunen, was da abgeht", prophezeit Migros-Sprecherin Claudia Robustelli.
Kompromisslose Baugegner
Wie kompromisslos Baugegner zu Werke gehen, erlebt zurzeit die Stadt Zürich. Dort soll unter der Bauherrschaft der Großbank Credit Suisse für die Fußball-Europameisterschaft 2008 ein neues Stadion errichtet werden, das sich dank eines integrierten Einkaufszentrums rechnet. Gegen den Plan, 816 Kundenparkplätze zu schaffen, rebellieren die Anwohner. Vergangene Woche stoppte Credit Suisse alle Arbeiten. Jetzt droht Zürich bei der EM im eigenen Land das Aus.
"Supermärkte anzusiedeln kostet sehr, sehr viel Geld. Sehr, sehr viel Zeit. Sehr, sehr viel Nerven", bedauert Peter Saner, Geschäftsführer des Schweizer Einzelhandelsverbands. Der Handelsgigant Carrefour machte diese Erfahrung vor 15 Jahren, als er über Basel und Genf in der gesamten Republik Fuß fassen wollte.
Nach vier lehrreichen Jahren traten die Franzosen den Rückzug an. Erst Anfang 2003 unternahmen sie einen zweiten Anlauf: Sie kauften 28 Waro-Läden auf und umgingen damit das Problem, auf einen Schlag zahlreiche Neubauten errichten zu müssen. Ähnlich ging vor einem Jahr der Rewe-Konzern vor, als er sich die Bon Appétit Group mit 120 Pick-Pay-Läden einverleibte.
Aldis Ankunft geradezu herbeigefleht
Hochlohnpolitik, Mehrsprachigkeit, Alpengebirgslogistik - der Basler Marketingprofessor Manfred Bruhn kennt viele weitere Hindernisse, die ausländische Einzelhandelskonzerne lange abschreckten, Migros und Coop Paroli zu bieten. "Aber Aldi wäre nicht Aldi, wenn das Management das nicht durchdacht hätte", meint er.
Als die Metro-Tochter Media Markt vor zehn Jahren in die Schweiz expandierte, seien auch viele skeptisch gewesen, erinnert sich GDI-Forscher Bosshart. Doch das Konzept schlug ein. Nach vier Jahren schrieb Media Markt schwarze Zahlen. Heute ist die Schweiz für den Elektronikdiscounter von der Marge her das profitabelste Land.
Migros und Coop sind gewarnt. "Auch bei Lebensmitteln hat seit einigen Monaten der Preiswettbewerb begonnen", beobachtet der Marktforscher Thomas Hochreutener. Manche Schweizer flehen Aldis Ankunft geradezu herbei. "Ein Segen wär’s für alle, die genug davon haben, sich an der Kasse mit einer Bonuskarte auszuweisen", schreibt ein Leser im "St. Galler Tagblatt". "Alle diese Kundenbindungsmaßnahmen der Monopol-Großverteiler beweisen doch nur eines: Mit den hohen Preisen verdienen sie sich dumm und dämlich. Hopp Aldi - beendige das Hochpreis-Insel-Dasein!"
  • FTD, 17.06.2004
    © 2004 Financial Times Deutschland,
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