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Merken   Drucken   19.03.2010, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Big Blender warten auf Spender

Rund 4,5 Mrd. Euro sammeln deutsche Wohltätigkeitsorganisationen jährlich ein. Das meiste Geld kommt bei den Hilfsbedürftigen an. Ein Teil aber versickert in dunklen Kanälen, weil sich einige Spendensammler skrupellos bereichern - und der Staat fast immer wegschaut. von Jens Brambusch 
Feinde hatte Stefan Loipfinger schon immer. Beschimpfungen und Drohungen nimmt er eigentlich gelassen hin. 15 Jahre lang hat er als Journalist offene und geschlossene Fonds analysiert, sein "Fondstelegramm" im Internet war in der Branche gefürchtet. Mit einem Buch über die Selbstbereicherungsstrategien von Fondsmanagern schloss er dieses Kapitel für sich schließlich aber ab, verkaufte seinen Webdienst an ein großes Analysehaus und widmet sich seit einem Jahr einem neuen Betätigungsfeld: Wohltätigkeitsorganisationen. Nun könnte er bald wieder ein Buch über Selbstbereicherungsstrategien schreiben.
An Skandalen mangelt es nicht. Erst gerade haben zwei Fälle bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. In dem einen war die gemeinnützige Hilfsorganisation Treberhilfe Berlin in die Kritik geraten, weil ihr langjähriger Geschäftsführer einen Maserati als Dienstwagen fuhr und ein Monatsgehalt von 35.000 Euro bezogen haben soll. Der andere Fall betrifft die Hatun und Can Frauennothilfe, der Alice Schwarzer die 500.000 Euro gespendet hatte, die sie bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär" gewonnen hatte. Die Organisation kaufte davon einen BMW  X6, und Schwarzer erstattete Anzeige wegen Betrugs und Untreue.
Der ehemalige Journalist Stefan Loipfinger spürt Betrügereien bei ...   Der ehemalige Journalist Stefan Loipfinger spürt Betrügereien bei Spendenorganisationen nach
Loipfinger lehnt sich in seinem braunen Sessel zurück und winkt ab: "Harmlos", sagt er zu diesen Fällen. "Sie zeigen aber: Da ist null Unrechtsbewusstsein." Der 42-Jährige spricht mit oberbayerischem Zungenschlag, ein hochgewachsener, schlanker Mann, auf der Nase eine randlose Brille. Er residiert in Rosenheim im Dachzimmer einer kleinen Bürogemeinschaft mitten in der Fußgängerzone. Hinter seinem Schreibtisch erhebt sich eine hölzerne Schrankwand, darin stapeln sich Dutzende Ordner, allesamt voll mit belastendem Material zu den verschiedensten Organisationen. In harmloseren Beispielen geht es um Missbrauch, in schwerwiegenderen um Betrug. "Diese Fälle", sagt Loipfinger und zeigt hinter sich, "sind ein ganz anderes Kaliber."
Die Summen, um die es geht, sind gewaltig. Insgesamt beträgt das Spendenvolumen in der Bundesrepublik etwa 4,5 Mrd. Euro jährlich. Genaue Zahlen gibt es nicht, nicht einmal eine Veröffentlichungspflicht, trotz des Steuerprivilegs der Gemeinnützigkeit.
Kaum ein Bereich ist so intransparent wie der der gemeinnützigen Vereine - sehr zum Leidwesen der sauber arbeitenden Organisationen, ohne deren Engagement notleidende Menschen und Tiere noch schlechter dastünden. Und der Staat schaut weitgehend macht- und tatenlos zu: Die Spendenpraxis in Deutschland lädt zu Missbrauch und Betrug geradezu ein. Eine Wohltätigkeitsorganisation kann jeder gründen - und je nach Skrupel Millionen einsammeln.

Teil 2: Wie leicht das Gründen einer Wohltätigkeitsorganisation ist

  • Aus der FTD vom 19.03.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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