Dossier
Ein Landwirt in Datteln kämpft erfolgreich gegen den Bau des größten Kohlekraftwerks von Eon. Die ganze Branche blickt gebannt in das westfälische Nest - denn das Urteil könnte auch andere Großprojekte ins Wanken bringen.
von Michael GassmannDatteln
Leichter Nebel liegt über den westfälischen Äckern. An dem Hof von Marieluise und Heinrich Greiwing rankt sich Efeu entlang, dahinter fängt ein Maisfeld an, dann folgt ein Stück Wald. Und genau hier endet die Idylle. Massiv reckt er sich in die Höhe: Der 180 Meter hohe Kühlturm der Baustelle, aus der einmal das weltgrößte Monoblock-Steinkohlekraftwerk werden sollte - Datteln 4. Elektrische Leistung: 1055 Megawatt. Veranschlagte Kosten: 1,2 Mrd. Euro. Bauherr: Eon.
Europas größter Energiekonzern in Privatbesitz hat mit allem gerechnet, nur nicht mit den Greiwings. Die Bauernfamilie aus Walsum klagte gegen den geplanten Bau, weil sie weiterhin lieber auf einen Wald schaut als auf ein Kraftwerk. Vor zwei Wochen erklärte das Oberverwaltungsgericht in Münster den Bebauungsplan für unwirksam. Am Mittwoch setzte die Bezirksregierung die fünfte Teilgenehmigung für den Bau aus. Für einen Teil des Werks bedeutet das Baustopp, 500 Arbeitsplätze sind betroffen. Doch auf die Bauarbeiter könnte schon bald ein Auftrag besonderer Art zukommen. Schlimmstenfalls muss Eon den Turm wieder abbauen.
Schon jetzt zeigt der Richterspruch Wirkung - weit über die Grenzen Dattelns hinaus. Die Anti-Kohle-Bewegung in Deutschland feiert die Entscheidung als großen Durchbruch. "Das Urteil des OVG schafft einen Präzedenzfall von bundesweiter Bedeutung", jubelt die Klima-Allianz. Und die sonst so selbstsichere Energielobby ist tief verunsichert. "Die Akzeptanz für die Kohle, ja für Großprojekte überhaupt, sinkt in Deutschland immer weiter", murrt ein Eon-Insider. Offiziell äußert sich der Konzern kaum zu dem Rückschlag.
Noch steht der Turm des Kraftwerks, doch bald könnten die Bürger von Datteln wieder freie Sicht haben
Marieluise Greiwing ist glücklich, dass ihr nach drei Jahren doch noch jemand richtig zugehört hat. "Das Oberverwaltungsgericht hat sich sehr intensiv mit unseren Argumenten auseinandergesetzt", sagt die 44-jährige Landwirtin. "Ein Großteil dessen, was wir und viele andere der Firma Eon und der Stadt Datteln seit mehr als drei Jahren wieder und wieder schriftlich wie mündlich vorgehalten haben, hat nun zu dem Erfolg geführt."
In dem 100 Seiten starken Urteil führen die Richter gleich eine Vielzahl von Verstößen der Stadt an: gegen die Flora-Fauna-Richtlinien, gegen Lärmschutz, gegen Vorgaben im Landesentwicklungsplan. Revision gegen das Urteil ließen sie nicht zu. "Bei der Stadt Datteln hat man sich offenbar hauptsächlich auf Eon verlassen, während man es dort bis kurz vor Schluss nach unserer Einschätzung gar nicht für möglich gehalten hat, unterliegen zu können", glaubt Landwirt Greiwing.
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