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Merken   Drucken   10.12.2007, 20:13 Schriftgröße: AAA

Agenda: Geschacher um Lebensmittel

Dossier Einmal im Jahr verhandeln Lebensmittelhersteller und Händler über die Preise. In diesem Jahr wird wegen der gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten besonders erbittert gefeilscht. Ein Frontbericht. von Birgit Dengel und Katja Wilke (Hamburg)
Nein, besinnlich geht es in diesen Adventstagen für die beiden Kontrahenten nicht zu. Aufreibend ist der Job, anstrengend. Da sitzen sie nun, die Lebensmittelhersteller auf der einen, die Händler auf der anderen Seite, in Konferenzzimmern, die schmucklos und grau sind. Stundenlang müssen die Vertriebsmanager und Einkaufschefs hier ausharren, mal sieben, mal neun, mal zwölf Stunden. Und nicht mal Kaffee wird gereicht! Sie sitzen da und feilschen, um Vertragslaufzeiten, um Preise und Lieferbedingungen. Deckt euch mit Energieriegeln und Getränken ein, lautet ein flapsiger Ratschlag der Branche: "Ansonsten droht die Gefahr zu hyperventilieren." Und das wollt ihr doch nicht. Ihr wollt doch gewinnen.
Der Preiskampf zwischen Lebensmittelhersteller und Händlern wird ...   Der Preiskampf zwischen Lebensmittelhersteller und Händlern wird dieses Jahr besonders erbittert geführt
Die Jahresgespräche. Hier werden im Handel die Preise festgezurrt, hier geht es um die Margen für das nächste Jahr - und hier entscheidet sich, was die Butter, die Nudeln und der Fruchtsaft im Regal künftig kosten. Seit dem Herbst laufen die Verhandlungen - und nun ist Endspurt angesagt.
Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé , Unilever  oder Barilla wollen von ihren Abnehmern, den Händlern, mehr Geld für ihre Produkte. Die Händler - allen voran die Discounter, aber auch Edeka oder Rewe - wollen alles tun, um die Preise zu drücken. Die Prozedur ist eine Qual, für beide Seiten.
In diesem Jahr ist der Streit besonders heftig, wird der Preiskampf besonders erbittert geführt. Der Hauptgrund: Die Kosten für Rohstoffe und Energie sind rasant gestiegen, haben die Produktion teurer gemacht. Die Hersteller versuchen nun, die Ausgaben für Milch oder Weizen über Preiserhöhungen wieder hereinzuholen. Der Handel fürchtet, dass erneute Preissteigerungen die Kunden vergraulen - und versucht entschlossen, Begehrlichkeiten abzuwürgen. Emsig wird deshalb seit einiger Zeit versucht, die Einkaufsmacht durch Kooperationen weiter auszubauen - um den Herstellern Paroli zu bieten."Es ist schlimmer als jemals zuvor", stöhnt ein mittelständischer Getränkehersteller. "Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. " Es gebe eine Menge Unternehmen, prophezeit der Firmenchef, "die die nächsten sechs Monate nicht mehr überleben".
Innerhalb eines Jahres hat sich der Getreidepreis fast verdoppelt - ein Anstieg wie seit 40 Jahren nicht mehr in Westeuropa. Auch für Hopfen zahlt ein Abnehmer heute doppelt so viel wie vor einem Jahr, für Braumalz etwa 80 Prozent mehr. "Unsere Branche ist von überproportionalen Kostensteigerungen betroffen", sagt Wolfgang Burgard, Deutschlandchef des Brauers Carlsberg . Ähnlich geht es zum Beispiel den Produzenten von Butterkeksen: Sie sind besonders stark vom Weizenpreis abhängig, denn zu mehr als zwei Dritteln bestehen die Kekse aus Weizenmehl. Doch der Rohstoffpreis hat sich seit Anfang 2006 verdreifacht, mittlerweile kostet eine Tonne Weizen rund 260 Euro. Hinzu kommen höhere Kosten für Energie, Verpackungsmaterial und Transport. "In dieser Situation sind die Hersteller nicht in der Lage, die gestiegenen Kosten durch Einsparungen an anderer Stelle zu kompensieren", klagt Jürgen Abraham, Chef der gleichnamigen Schinkenfirma und Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).
Der Handel will von solchen Klagen am liebsten nichts hören. Manfred Esser, Einkaufschef bei Rewe, reagiert ungehalten: Die Hersteller würden zwar für sich höhere Preise durchsetzen wollen, aber gleichzeitig erwarten, dass der Handel die Verkaufspreise stabil hält. "Das funktioniert so nicht", sagt Esser. "Wir müssen die Preissteigerungen voll weiterreichen. Die Margen im Handel sind ohnehin schon viel zu gering." Ein bis maximal zwei Prozent erziele der Handel - im Gegensatz zu den geschätzten zehn Prozent der Hersteller.
Zudem hält der Handel zahlreiche Preiserhöhungen für ungerechtfertigt. "Aktuell haben wir eine Situation, die es zuvor nie gegeben hat. Die Industrie nutzt die Erhöhung der Rohstoffpreise teilweise schamlos aus. Wir im Handel sind nur die Beifahrer", sagt Esser. Viele Hersteller würden überhaupt nicht unter steigenden Rohstoffpreisen leiden, trotzdem aber versuchen, bessere Konditionen herauszuschlagen. "Auf Seite der Lieferanten wird es Verlierer geben - und zwar die Trittbrettfahrer, die es teilweise mit den Preiserhöhungen übertreiben", warnt Esser. Konkrete Hersteller mag der Einkaufschef nicht nennen. Nur den Streit nicht noch weiter anheizen.

Teil 2: Der Handel konzentriert die Kräfte

  • Aus der FTD vom 11.12.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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