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Merken   Drucken   10.01.2011, 21:40 Schriftgröße: AAA

Agenda: Grubes außerplanmäßiger Halt

Gleich zweimal musste sich Bahn-Chef Grube in Berlin für das Chaos bei der Deutschen Bahn verantworten. Es ist das erste große Kräftemessen des Managers mit der Politik. Er kämpft dabei um Vertrauen und Milliarden - und darum, wie stark er als Bahn-Chef werden kann. von Jens Tartler  Berlin und Leo Klimm  Hamburg
Rüdiger Grube  lächelt, und zwar so, dass es überzeugend wirkt. Ein schönes Motiv. Vor ihm kniet ein Fotograf und macht unzählige Aufnahmen. Da streckt der Bahn-Chef ihm seine Hand entgegen. Verdutzt lässt der Fotograf seine Kamera sinken und schüttelt die Hand. Grube, das ist nun klar, wird es mit der Umarmungsstrategie versuchen.
Antreten bitte: Bahn-Chef Rüdiger Grube auf dem Weg zur Anhörung ...   Antreten bitte: Bahn-Chef Rüdiger Grube auf dem Weg zur Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus
Montagmorgen, kurz nach zehn. Rüdiger Grube sitzt im holzgetäfelten Sitzungssaal 376 im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Tische sind zu einem Hufeisen angeordnet, Grube an der Spitze, im Mittelpunkt des Verhörs. Die Abgeordneten wollen sich nicht länger hinhalten lassen. Sie wollen endlich vom Bahn-Chef persönlich wissen, warum sein Konzern und dessen Tochter, die S-Bahn Berlin, in diesem Winter so kläglich versagt haben.
Nun, Grube räumt Fehler ein, entschuldigt sich bei Kunden, bei Politikern, gelobt Besserung, tragfähige Lösungen, "sofortige und mittelfristige Maßnahmen". Er referiert eine halbe Stunde lang über technische Schwierigkeiten, über Sandstreuanlagen, über nicht gewartete Wirbelstromanlagen, über Achsrisse, den unzuverlässigen Zuglieferanten Bombardier , Ausflüchte. "Wir haben bisher 1 Mrd. Euro in die S-Bahn investiert, aber bis 2010 keinen Euro verdient", offenbart er. "Und wir werden auch bis 2017 keinen Euro verdienen."
Die Abgeordneten werden unruhig. Einige bezichtigen Grube später der Falschaussage. "Der Winter ist bei der S-Bahn und der Deutschen Bahn noch nie so gut vorbereitet worden", sagt Grube. Einige Abgeordnete lachen höhnisch. Spätestens da merkt Grube, dass er sie nicht überzeugen kann. Er redet und redet, hilflos jetzt. Bis er einräumt: "Wenn morgen wieder ein Wintereinbruch passiert, wäre es fatal zu sagen, wir sind dagegen gewappnet."
Gleich zweimal muss Grube sich an diesem Montag rechtfertigen: am Vormittag im Berliner Abgeordnetenhaus, am Nachmittag vor der Konferenz der Landesverkehrsminister. Er ist jetzt dort angekommen, wo er nie hinwollte: im gefährlichen Dauerstreit mit der Politik.
Grube wollte es eigentlich anders machen als sein Vorgänger, der Haudegen Hartmut Mehdorn . Er wollte die vielen Politiker, die dem Bahn-Management fortwährend hineinregieren, durch seine verbindliche Art zu Freunden machen. "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus" war sein Gebot, als er 2009 antrat.
Doch er hat sich verschätzt. Er sei überrascht worden, wie "irre" dieser Job sei, hat er vor Kurzem gesagt. Jeder Ministerpräsident, jeder Bürgermeister erwarte regelmäßige persönliche Besuche. Zu groß ist die Lust der Politiker, auf ihrem Staatsunternehmen herumzuhacken, zu stark sind die Interessenkonflikte um Subventionsmilliarden für die Schiene, zu drastisch das Versagen des Konzerns in diesem Winter, als dass Grube noch mit Volksweisheiten durchkäme. Der Stil des Anti-Mehdorn, die ständigen Entschuldigungen, die dauernden Versprechen reichen nicht mehr. Für Grube selbst wird es inzwischen brenzlig.

Teil 2: Bahn "auf Verschleiß" gefahren

  • Aus der FTD vom 11.01.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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