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Merken   Drucken   22.11.2004, 20:05 Schriftgröße: AAA

Agenda: KarstadtQuelle-Chef Achenbach auf verlorenem Posten

Christoph Achenbach mag nicht den Retter spielen. Auf der Hauptversammlung inszeniert sich der Vorstandsvorsitzende von KarstadtQuelle als Buchhalter des Niedergangs. Die Fäden für die Sanierung zieht ein anderer – Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff von Lorenz Wagner, Düsseldorf
Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff   Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff
Der Chef kommt als Erster. Alleine sitzt Thomas Middelhoff auf dem Podium, liest Akten, schießt ein paar Mails über den Blackberry. Ab und zu dröhnt sein Lachen durch die Stille. Es ist 9.40 Uhr. In 20 Minuten geht’s los. Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre tröpfeln in den großen Saal der Stadthalle Düsseldorf. 1500 Besucher haben sich angemeldet, viel mehr als sonst. Außerordentliche Hauptversammlung von KarstadtQuelle.  Es geht um die Rettung des Konzerns, um die dafür notwendige Kapitalerhöhung.
Nach zehn Minuten steht der Chef auf, geht mit weiten Schritten nach links ab, verschwindet hinter den Trennwänden. Fast gleichzeitig tritt von rechts Christoph Achenbach aufs Podium. Er sieht noch Middelhoffs Fersen davoneilen. Bedächtig geht er, Unruhe im Blick. Es wird kein leichter Tag werden.
Christoph Achenbach während der Pressekonferenz   Christoph Achenbach während der Pressekonferenz
Selten frohe Nachrichten
Seit Mai ist Christoph Achenbach der Vorstandsvorsitzende von KarstadtQuelle. Frohe Nachrichten hat er seitdem selten verkünden können. Er muss Personal entlassen, Kaufhäuser schließen, Beteiligungen abstoßen, traditionsreiche Kataloge einstellen. "Wir haben uns schlicht verzettelt", hat er schon früher zugegeben. Jetzt merken es die Kunden, überall brechen die Umsätze ein.
Achenbach soll es richten, soll den Konzern retten. So will es die Großaktionärin Madeleine Schickedanz, deren Pool mehr als 40 Prozent der KarstadtQuelle-Aktien hält. Die Quelle-Erbin hat persönlich, so wird jedenfalls kolportiert, Achenbach gegen alle Widerstände an die Spitze des Konzerns befördert, so wie sie ihn schon 1997 an die Spitze der Quelle AG gehievt hatte. Einen "König von Madeleines Gnaden" nannte ihn die "Zeit".
Wolfgang Urban   Wolfgang Urban
Es mangelt an Erfolgen
Furore hat der König bisher allerdings nicht gemacht. Den Versandhandel bei Quelle hat er nicht beleben können. Die 2001 unter seiner Führung eingeleitete Fusion mit Neckermann - schon unter dem KarstadtQuelle-Dach - schleppt sich dahin. Große Fortschritte sind nicht sichtbar, obwohl Achenbach sich bei Madeleine Schickedanz ausbedungen hatte, der damalige KarstadtQuelle-Chef Wolfgang Urban dürfe ihm bei den Versandhäusern nicht dazwischenfunken. Erfahrung als Sanierer hat Achenbach durchaus, nur an Erfolgen mangelt es.
Achenbach erhebt sich. Die anstehende Kapitalerhöhung für den Konzern macht ihm die wenigsten Sorgen. Die wird am Dienstag durchgewunken. Es ist auch nicht das Lampenfieber, selbst wenn er den Aktionären fast leise sagt: "Dies ist meine erste Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender der KarstadtQuelle AG." Nein, da ist das Gerücht, das hochgekocht ist, das ihm den Auftritt erschwert. Mehrere Banken wollen ihm einen externen Sanierer an die Seite setzen.
Desaster mitverschuldet
Ein solcher Aufpasser würde seine Macht weiter beschneiden. Die ist beschränkt genug. Ohne Banken und Großaktionäre läuft gar nichts, und die setzen auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Middelhoff. Achenbach ist für das Tagesgeschäft da, fürs Erarbeiten und Ausführen. Beim Vorstandsvorsitzenden klingt das so: "Herr Middelhoff greift nicht in das operative Geschäft ein." Achenbach sei eben jünger und unerfahrener als er, rechtfertigt Middelhoff die Machtverteilung.
Was er nicht sagt, weil es jeder weiß: Achenbach hat als Quelle-Vorstand das Desaster mitverschuldet. Das beschränkt seinen Rückhalt im Konzern.
Der dürfte nun weiter bröckeln. Nicht etwa die Banken, nein, Thomas Middelhoff selbst wünsche den Aufpasser, heißt es in unternehmensnahen Kreisen. Das ist kein Lob für Achenbach. Das kündet nicht von Zutrauen. Fleißig wird gestreut, Achenbachs Zeit laufe nächstes Jahr ab. Im März soll es soweit sein.
Middelhoff versucht derweil, Vertraute im Konzernvorstand zu installieren, heißt es in Unternehmenskreisen. Es fällt der Name Klaus Eierhoff. Den kennt Middelhoff noch aus Bertelsmann-Zeiten. Eierhoff, heute Chef des Logistikers Thiel, war bereits einmal im Karstadt-Vorstand aktiv.
Ernst ist angemessen
10 Uhr. Achenbach sitzt, Middelhoff kommt. "Schönen guten Morgen", sagt der 51-jährige Aufsichtsratschef. Lächelt dem fünf Jahre jüngeren Vorstandschef zu, als die Kameras blitzen. Da sitzen sie nun nebeneinander, der Alte und der Junge. Der Alte: groß, gebräunt, ohne Falten, weit lachend. Der Junge: leicht gebeugt, bleich, verknautscht, ernst.
Ernst ist angemessen. Bekannt Schlechtes hat Achenbach den Aktionären zu verkünden. Die Binnennachfrage ist mau, der Umsatz eingebrochen, das Ergebnis eine Katastrophe. Das muss den Aktionären doch noch mal erklärt werden. Er erklärt es ausführlich, "die Allokation finanzieller Mittel" war "suboptimal", die "Wachstumsdynamik unbefriedigend". Tote, abgelesene Worte, vorgetragen im Bestattertonfall, minutenlang spricht er, ohne Husten, ohne Räuspern, ohne die Stimme zu heben und zu senken. Einmal zittert sie, als er über die "gravierenden Maßnahmen" auf der Personalseite spricht, da spricht er eine Sekunde wie ein Mensch. Sonst steht er da, wie ein Automat, in den jemand Geld geworfen hat, und der nun Worte über Worte ausspuckt, ohne Ende, ohne zu stocken.
"Geben Sie uns eine Chance"
11.15 Uhr. Jetzt macht Achenbach doch eine Pause - gerade als Middelhoff in seine Faust gähnt - und trinkt einen Schluck Wasser. Den Leuten, die vor ihm sitzen, geht es genauso wie Middelhoff, sie dösen, gähnen, kritzeln vor sich hin, aber sie halten sich mäuschenstill, trotz aller Katastrophenmeldungen sind nur sehr anständige Aktionäre hergekommen. Hebt Achenbach die Augen vom Manuskript - und tatsächlich, manchmal tut er es - sieht er Krawatten und graue Haare, Dauerwellen und Brillantenbroschen, sieht Menschen, die eher im KaDeWe einkaufen als bei Karstadt Detmold. Und die Zuhörer zeigen eine Geduld, in ihren Gesichtern und in ihrem Sitzfleisch, als hätten sie den Bestseller "Manieren" gelesen. Selbst als draußen schon das Essen dampft, harren sie aus. Es gibt eh nur Würstchen und Kartoffelsalat, keine sautierten Wachtelbrüstchen wie früher.
Nach etwas mehr als einer Stunde ist dann Schluss. "Geben Sie uns eine Chance", sagt er. "Wir brauchen Ihre Unterstützung." Seine linke Hand zittert auf dem Pult. Er schlurft zurück zu seinem Platz. Middelhoff wartet schon. Klaps auf die Schulter: "Gut gemacht." Middelhoff lächelt. Achenbach nicht.
Abnickende Aktionäre bevorzugt
Jetzt kommen die Fragen, die Kritiker und Krakeeler. Doch es bleibt ruhig. Es bringe nichts, nach hinten zu gucken, stellen einige Redner fest und bekommen Applaus. Ganz erschreckt gucken die Gäste, als zwei Aktionäre sich der Kapitalerhöhung widersetzen wollen. "Sie gefährden die Zukunft des Konzerns", donnert Middelhoff dazwischen. "Wenn die Kapitalerhöhung blockiert wird, ist das existenzgefährdend für die Gesellschaft. Dann droht der Gesellschaft in der Tat die Insolvenz." Der Zeitplan sei sehr eng, sei nur sicher, wenn kein Widerspruch zu Protokoll gegeben werde.
Middelhoff bevorzugt an Aktionären die abnickende Spezies. Die ist einverstanden mit dem, was Achenbach vorgestellt hat: dem geplanten Verkauf der kleinen Warenhäuser, dem gerade vollzogenen Verkauf Starbucks’, mit der Neuausrichtung Quelles (auf Familie und das Alterssegment 50 plus) und der Förderung des E-Commerce.
Ohne Geschrei schlucken sie auch, dass Achenbach so ganz nebenbei Tempo aus der Sanierung nimmt. Er rechne erst für 2006 mit einem operativen Gewinn. Noch im September wollte er schon nächstes Jahr Gewinn machen.
Frage nach einem Aufpasser
Aber eine Sache, die fragen sie wieder und wieder: Wie ist das mit dem externen Berater, dem Aufpasser, dem so genannten Chief Restructuring Officer (CRO)? Middelhoff lässt sie Achenbach beantworten. Leise spricht der, kaum zu verstehen. "Es hat keine formale Anfrage der Banken nach einen CRO gegeben", sagt, wispert er fast. Nein, formale nicht. Informelle schon, das weiß hier jeder.
Der Einsatz eines solchen CRO sei von den Banken gewünscht, hieß es vergangene Woche. Selbst konkrete Namen wurden schon diskutiert, etwa von der Sanierungsberatung Alix Partners, die den Konzern seit Spätsommer berät. Den Job bekommt allerdings wahrscheinlich ein Manager aus einer Unternehmensberatung: "Es ist nahe liegend, dass Roland Berger bei der weiteren Arbeit eingespannt wird, da Roland Berger uns bereits bei der Beurteilung des Sanierungskonzeptes zur Seite stand", sagt Achenbach.
Also kommt der Chief Restructuring Officer von Roland Berger? Nein, ein CRO würde zum Vorstand zählen. Das immerhin hat Achenbach verhindern können. Er wird das als Erfolg werten.
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