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  19.12.2005, 20:58  

Agenda: RAG aufgehübscht

Die Übernahme von Degussa und die Abspaltung der Kohleförderung bringen RAG-Chef Werner Müller seinem Ziel einen großen Schritt näher. Er will einen Mischkonzern formen, der an der Börse für Furore sorgt. von Michael Gassmann, Essen
RAG-Chef  Werner Müller   RAG-Chef Werner Müller
Werner Müllers Schweigen ist beredt. Beim diesjährigen Deutschen Steinkohletag im Herbst bleibt der Präsident des Gesamtverbands des deutschen Steinkohlebergbaus und Vorstandschef des RAG-Konzerns auffällig unauffällig. Wolfgang Clement, Müllers Nachfolger als Wirtschaftsminister, absolviert einen seiner letzten Auftritte im Amt. Der Minister legt sich noch einmal mächtig ins Zeug für die Kohlefunktionäre: "Der Gedanke an einen Ausstieg aus der heimischen Steinkohle erscheint mir abwegig", ruft er ins Auditorium. "Wir sollten das auch nicht tun", schiebt er nach. Und erntet brausenden Beifall.
Verbandschef Müller dagegen hält sich zurück. Auf den Applaus der alten Kohleindustrie scheint er keinen Wert zu legen. Er missachtet das alte Ritual, sich zur Kohleförderung zu bekennen. So zurückhaltend ist er sonst nie, wenn es um die Kohle geht.
Seit am Montag weiß man, warum: Müller stand womöglich zum letzten Mal bei einem Steinkohletag auf dem Podium. Denn am Montag ist er seinem großen Ziel einen wichtigen Schritt näher gekommen: RAG von der hoch defizitären, hoch subventionierten Kohle zu trennen und den übrig gebliebenen Mischkonzern an die Börse zu bringen. Zu einem "strotznormalen Konzern" will Müller RAG umbauen, wie er es ausdrückt.
RAG-Banner an der Konzernzentrale in Essen   RAG-Banner an der Konzernzentrale in Essen
"Deep Blue" ist genehmigt
Der Schlüssel dazu trägt den Namen "Deep Blue". Das ist der RAG-Codename für jenes Projekt, das Müllers Traum wahr werden lassen soll: die vollständige Übernahme des Chemiekonzerns Degussa  durch RAG für etwa 3,4 Mrd. Euro. Bislang gehört Degussa dem Essener Konzern etwa zur Hälfte. Sowohl der Aufsichtsrat von RAG als auch der Aufsichtsrat des Degussa-Mehrheitsaktionärs Eon haben "Deep Blue" am Montag gebilligt. Die wichtigste Hürde für den angestrebten Börsengang von RAG scheint damit genommen: Denn nur mit Degussa erreicht RAG die erforderliche Umsatz- und Gewinngröße, um in den Dax, in die Liga der größten Konzerne, aufgenommen zu werden. Ohne den Chemiespezialisten wäre keine plausible Börsenstory möglich.
Mit der Last der Kohle freilich auch nicht: "Strotznormal" wird RAG nur, wenn es Müller gleichzeitig gelingt, den Konzern aus der Bevormundung durch den Staat zu befreien. Aus den Milliardensubventionen, die der Steuerzahler jährlich in die Kohleförderung pumpt, leitet der Staat bisher das Recht ab, bei allen wichtigen Investitionsentscheidungen mitzureden. Dieses Zwitterdasein - zwischen staatlichem Konzern und privatwirtschaftlicher Firma - zu beenden ist Müllers größte Herausforderung.
Klappt das Vorhaben, steht am Ende ein gesundes Unternehmen mit rund 18 Mrd. Euro Umsatz und 65.000 Beschäftigten. Klappt es nicht, droht RAG langfristig das Aus als eigenständig am Markt operierendes Unternehmen.

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  • Aus der FTD vom 20.12.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland
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