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Merken   Drucken   09.02.2009, 07:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Schleckers Markt-Versagen

Dossier Bis in die letzten Winkel der Republik ist Anton Schlecker mit seinen Billigdrogerien vorgestoßen. Doch bei der Produktivität hinkt der Marktführer den Rivalen weit hinterher. Mit Großfilialen und Niedriglöhnen will er nun an alte Erfolge anknüpfen. Ein riskantes Experiment. von Matthias Lambrecht (Berlin)
Steck deinen Kopf nicht zu weit aus dem Fenster, wir brauchen dich noch, wenn wir bei euch einen Betriebsrat gründen", ruft Achim Neumann in sein Handy. Wieder ein Anruf von einem Schlecker-Mitarbeiter, irgendwo aus Süddeutschland. Wieder ein neues Mitglied. "Mich sprechen jetzt ständig Leute an", erzählt der Verdi-Funktionär. "Die fürchten alle um ihren Arbeitsplatz." Neumann sammelt seine Truppen. Vor ein paar Tagen hat der Gewerkschafter einen Warnschuss abgegeben: 4000 Filialen der Drogeriemarktkette ständen vor dem Aus, 12.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr, prophezeite Neumann in einem Interview. Seither wächst die Unruhe in den Geschäften, die bei Schlecker Verkaufsstellen heißen. Und Neumanns Handy klingelt immer öfter.
Wieder einmal geht es gegen Anton Schlecker, einen Erzfeind der Gewerkschaften. 1975 hat der Unternehmer aus dem schwäbischen Ehingen seinen ersten Discountmarkt eröffnet und seitdem Deutschlands größte Drogeriemarktkette aufgebaut. Auf dem Rücken der Beschäftigten, sagen Arbeitnehmervertreter wie Neumann. Die Bezahlung nach Tarif haben sie Schlecker abtrotzen müssen, seit Jahren kämpfen sie verbissen um jeden Betriebsrat. Nun beobachten sie, wie Schlecker die Absprachen unterwandert. Im Eiltempo schließt die Firma alte Verkaufsstellen und eröffnet neue Märkte: in zentralen Lagen, heller, schöner, größer. Und mit Verkäuferinnen, die gerade mal halb so viel verdienen wie die Kolleginnen in den übrigen Filialen.
Der Druck auf Schlecker wächst. Lange setzte der Ehinger die Trends, trieb die Branche vor sich her, trug das Billig-Drogeriegeschäft in die hintersten Winkel der Republik. Baute mit seinen engen, zugestellten Läden in städtischen Nebenlagen oder auf dem platten Land, mit begrenztem Sortiment und sparsamem Personaleinsatz ein Imperium auf, zu dem zu Hochzeiten in Deutschland 11.000 Filialen gehörten.
Ein Kunde verlässt eine Berliner Schlecker-Filiale   Ein Kunde verlässt eine Berliner Schlecker-Filiale
Doch inzwischen kommt Schlecker nur noch jenseits der Grenzen voran. Zu Hause laufen ihm die Kunden davon, kaufen lieber in den übersichtlichen Geschäften der Konkurrenz, die mehr Auswahl bieten. Während Rossmann oder DM ihr Sortiment um Wellness-Artikel oder Bioprodukte erweiterten und mit Eigenmarken die Kundenbindung erhöhten, fehlte in den beengten Schlecker-Lädchen schlicht der Platz für Innovationen. "Diese Weiterentwicklung hat Schlecker versäumt - die Filialen sehen überwiegend noch so aus wie vor zehn Jahren", sagt Mirko Warschun, Partner bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney.
Die Wettbewerber haben so den Abstand zum Marktführer stark verkürzt: Die DM-Drogeriemärkte steigerten den Umsatz in Deutschland von 2006 bis 2008 um 24 Prozent, Rossmann gar um 31 Prozent. Schlecker gingen nach Schätzungen von Branchenbeobachtern im gleichen Zeitraum mehr als fünf Prozent der Inlandserlöse verloren. Schleckers schärfste Rivalen haben ihre regionale Beschränkung aufgegeben und bauen ihr Netz inzwischen bundesweit aus. Kleinere Anbieter wurden im Zuge der Konsolidierung geschluckt. Von zehn Drogeriemarktketten, die es 2007 noch gab, sind fünf übrig geblieben.
Rossmann drängt aus dem Norden in die neuen Bundesländer und hat 2008 seine Position mit der Übernahme des kleineren Wettbewerbers Kloppenburg ausgebaut. Die von Karlsruhe aus operierende DM-Kette ist inzwischen bis nach Bremen vorgestoßen. "Schleckers Vertriebskonzept funktionierte, solange es wenig Konkurrenz gab", sagt Handelsexperte Thomas Roeb von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg. "Mit der Expansion von Rossmann und DM ist die Luft für Schlecker dünn geworden. Wenn die im gleichen Tempo weiter expandieren, sind sie in ein paar Jahren gleichauf."

Teil 2: Die Konkurrenz ist immer öfter günstiger

  • Aus der FTD vom 09.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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