Der Vorstandschef hält plötzlich inne. Atmet langsam aus, schließt die Augen, konzentriert sich - und fängt an zu singen. Mitten im Interview, ganz allein, ganz auf Japanisch. Eine Minute lang.
Zwei Jahre ist es her, dass Hans-Jörg Seeberger ein geschäftliches Gespräch mit einem spontanen Ständchen anreicherte. Zu diesem Zeitpunkt ist er einer, der die Menschen in seiner Umgebung fasziniert. Der ihnen Aufmerksamkeit schenkt - auch wenn sie diese nicht erwarten. Der sich fürsorglich kümmert, selbst um diejenigen, die er das erste Mal trifft. Der es schafft, dass andere sagen, er sei "ein ganz bescheidener Mensch", obwohl er dauernd redet, am liebsten von sich.
Seeberger ist eine schillernde Persönlichkeit unter Deutschlands Unternehmern. Er weiß, wie man Emotionen weckt. Notfalls mit einem japanischen Trinklied. Das Stück erzähle eine Geschichte von Samurai, sagt Seeberger, "die zusammenliegen und sagen: Freunde, heute trinken wir mal einen. Notfalls, bis wir besoffen sind. Dann sagen wir auch die Wahrheit".
Wie genau es seine Firma Egana Goldpfeil mit der Wahrheit nimmt, das ist heute ein Rätsel. Die Aktie der Holding mit Sitz in Hongkong wurde in den vergangenen Tagen mehrmals vom Handel ausgesetzt, zuletzt am Mittwoch. Zurzeit schwankt der Kurs um 0,70 Hongkong-Dollar, das sind weniger als 7 Cent, Mitte Juli waren es noch 6 $. Gerüchte über eine mögliche Zahlungsunfähigkeit und Ungereimtheiten in den Büchern kursieren im Markt. Der so redselige Gründer und Aufsichtsratschef Seeberger ist abgetaucht. Er sei "krank" und "nur noch für seine Familie zu sprechen", teilt das Unternehmen mit.