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  10.07.2007, 22:11    

Agenda: Tod aus der Tube

Giftige Zahnpasta aus China sorgt in den USA für Aufregung. Der Skandal ist kein Einzelfall: Die Lieferketten rund um den Erdball sind oft kaum noch zu durchschauen. Nun versucht Peking, mit drakonischen Maßnahmen seinen Ruf zu retten.

von Jennifer Lachman (New York) Christiane Kühl und Martin Kühl (Peking)
New York, Chinatown. In einem dieser "One Dollar"-Ramschläden. Hier biegen sich die Regale unter der Last. Stützstrümpfe liegen neben kitschigen World-Trade-Center-Ornamenten, Töpfe mit Vaseline stapeln sich neben bunt gefedertem Haarschmuck: alles original, made in China. Nur eines sucht der Kunde in dem importierten Gewühl vergebens: "Zahnpasta? Nein, nein", sagt die Verkäuferin energisch: "Das ist doch Gift."
Tube or not Tube: Wenn in Zahnpasta nicht drin ist, was drauf ...   Tube or not Tube: Wenn in Zahnpasta nicht drin ist, was drauf steht, wird das Zähneputzen zur Gefahr
Seit in amerikanischen Billigläden wie diesem gefälschte Colgate-Zahnpasta aufgetaucht ist, herrscht in den USA Aufregung. Es geht nicht nur um Produktpiraterie. Die Zahnpasta ist der jüngste Fall in einer Kette von Skandalen: Giftstoffe in der Tube, verseuchtes Tierfutter, gepanschte Medikamente oder gefährliche Süßigkeiten. Es geht um die Gesundheit. Sogar um Menschenleben.
"Das Ausmaß dieses Skandals ist überhaupt nicht abzusehen", sagt Charles Margulis von der Non-Profit-Organisation "Center for Food Safety". Denn die Zahnpastatuben, die in etlichen US-Bundesstaaten entdeckt wurden, enthielten in hoher Konzentration den Stoff Diethylenglykol - eine billige und gefährliche Kopie des handelsüblichen Sirups Glycerin. Es wird in der Industrie als Verdünnungsmittel verwendet, unter anderem in Frostschutzmitteln.
Tödliche Bedrohung
Wie gefährlich der Stoff ist, zeigt sich derzeit in Panama: In dem mittelamerikanischen Land war Diethylenglykol in Hustensaft und blutdrucksenkende Medikamente gepantscht worden. 100 Tote sind bislang offiziell bestätigt worden, die meisten von ihnen Kinder - qualvoll verendet, nachdem erst ihre Nieren und dann das zentrale Nervensystem versagten.
Nun lauert die Bedrohung auch in den amerikanischen Regalen - und die Behörden schlagen Alarm. Denn Colgate ist kein Einzelfall. Er führt drastisch vor Augen, wie komplex und undurchsichtig die Zulieferketten für Lebensmittel, Konsumgüter und Medikamente in den vergangenen Jahren geworden sind. "Vielen war bislang gar nicht bewusst, dass Essen und Arzneimittel bisweilen ganze Irrwege von der anderen Seite des Globus hinter sich haben", sagt Michael Hansen, Chefwissenschaftler für Nahrungsmittelsicherheit bei der Verbraucherschutzorganisation Consumers Union.
Der Wert der Nahrungsmittelimporte aus China in die USA ist seit 2003 um 19 Mrd. $ auf 64 Mrd. $ gestiegen. Neben exotischem Obst oder Gemüse stammt inzwischen auch der Großteil von Roh- und Inhaltsstoffen aus dem Ausland - und dort vor allem aus Asien. So stellt China 80 Prozent des weltweiten Verbrauchs an künstlich hergestelltem Vitamin C her. Führend ist die Volksrepublik auch bei den Stoffen Weizengluten und Sojalecithin, die sich in fast allen Lebensmitteln finden, von Schokolade über Margarine bis hin zu Brotteig.
Lieferkette gleicht einem Krimi
Üblicherweise bestellen Konzerne bei den Lieferanten, die am günstigsten produzieren. "Bedenklich wird diese Entwicklung jedoch dadurch, dass es bei vielen chinesischen Produzenten keine oder schlechte Kontrollen gibt", sagt Hansen. Im globalen Kampf um die Aufträge wird um jeden Cent gefeilscht - und dann geschlampt und gepanscht. Im Frühjahr etwa sind Tausende von Katzen und Hunden in den USA gestorben, weil ihr Futter mit verseuchtem Weizengluten aus China versetzt war.
Die amerikanischen Inspektoren sind überfordert. Im Gegensatz zu ihren europäischen Kollegen dürfen sie nicht vor Ort prüfen, sondern erst, wenn die Lieferung schon in den amerikanischen Häfen und Flughäfen eingetroffen ist. Doch selbst hier kommen die Beamten nicht nach: Gerade einmal 650 Inspekteure beschäftigt die dem US-Gesundheitsministerium unterstellte Behörde Food and Drugs Administration (FDA), zwölf Prozent weniger als noch vor drei Jahren. "Es ist paradox", sagt Hansen: "In dem Maß, in dem die Importe zunehmen, sparen wir an den Kontrollen." Inzwischen werden weniger als ein Prozent aller Lebensmittelimporte in die USA untersucht.

Teil 2: China greift inzwischen hart durch

  • Aus der FTD vom 11.07.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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