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Merken   Drucken   08.08.2007, 20:29 Schriftgröße: AAA

Agenda: Ziemlich verfahren

Manfred Schell dachte, er müsse nur gegen einen Mann kämpfen: Bahnchef Hartmut Mehdorn. Doch längst kämpft der Chef der Lokführer gegen ein ganzes Land. Nach dem Streikverbot bleibt nur der Rückzug - und die Flucht in Verzweiflungstaten. von Ulf Brychcy, Lorenz Wagner, und Horst von Buttlar (Hamburg)
Da steht er nun, der Mann, der das Land lahmlegen wollte. Er versucht, gelassen zu schauen, ein wenig spöttisch sogar, er versucht zu lächeln. Doch es gelingt nicht. Er ist beleidigt. Die Bahn hat ihm per Gericht den Streik verboten. "Prozesshanselei" sei das doch, was die Bahn da mache, sagt Manfred Schell. "Das ist doch keine Art."
Manfred Schell, der Chef der Gewerkschaft Deutscher ...   Manfred Schell, der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)
Und er ist trotzig, der Oberlokomotivführer. "Das sehen wir nicht ein!" Dass ein Gericht hier einen Arbeitskampf verbiete. Weiterkämpfen wolle er - und Streiks künftig überhaupt nicht mehr ankündigen. Wird die Bahn schon sehen, was sie von ihren einstweiligen Verfügungen hat.
Aber dann sagt er noch etwas, was vergangene Woche, als er den Knallharten gab, nie zu hören gewesen wäre: "Macht die Tür auf zu Verhandlungen."
Manfred Schell, der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), hat hoch gepokert - und vorerst verloren. Noch vor wenigen Tagen, so schien es, war Schell einer der mächtigsten Männer der Republik. Er war es, der über den Pulsschlag des Landes entscheiden würde. Doch innerhalb kurzer Zeit entwich aus seiner Drohkulisse mehr Dampf, als eine alte Lok jemals ablassen kann.
Rückzug auf Raten
Er hat gemerkt, wie einsam man wird, wenn man ein ganzes Land herausfordert. In Raten hat er den Rückzug angetreten. Am Mittwoch dann kam das Urteil, das den Ausstand erst einmal stoppte.
Ein Streik zur Durchsetzung eines eigenständigen Tarifvertrags sei rechtswidrig, verkündete das Arbeitsgericht in Nürnberg. Schließlich habe die Bahn mit den beiden großen Gewerkschaften Transnet und GDBA einen Tarifvertrag abgeschlossen. Und der sieht vor, dass alle Bahnbeschäftigten 4,5 Prozent mehr Lohn erhalten. Die Tarifeinheit bei der Bahn sei bedroht. Außerdem würde ein Ausstand auch der Volkswirtschaft schaden, besonders während der Hauptreisezeit.
Was für ein Schlag für Schell. Wie steht er nun da, er, der keine Gelegenheit ausließ, um "den heftigsten Streik in der Geschichte der Bahn" anzukündigen! Der seinen Leuten versprochen hat, er werde Bahnchef Hartmut Mehdorn, dieses "Rumpelstilzchen", schon klein kriegen, werde ihm eine Lohnerhöhung aufzwingen, wie sie in Deutschlands Geschichte einzigartig ist: 31 Prozent. Es sollte der große Coup des 64-Jährigen werden, ein Jahr bevor er in Rente geht - nach vielen Tarifrunden, in der er sich mit ein paar Prozent abspeisen ließ. "Ich habe nur ein Schuss", gab er zu. "Und der muss sitzen."

Teil 2: Anti-Mehdorn-Bonus fast weg

  • Aus der FTD vom 09.08.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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