Post-Chef Klaus Zumwinkel (r.) und Frank Appel auf der Hauptversammlung des Konzerns
Die Leidensgeschichte beginnt im März 2003. Zumwinkel kauft für 1 Mrd. Euro den US-Expressdienst Airborne. Die Fusion werde Anfangsverluste mit sich bringen, kündigt er an, doch ab 2005 will er Gewinne machen. Was folgt, ist ein Dauervertrösten der Anleger. Bis heute liefert die Beteiligung keine Gewinne. Morgan Stanley beziffert das Defizit allein für 2006 und 2007 auf jeweils gut 900 Mio. $. Unter dem Strich sind seit 2003 Gesamtverluste von bis zu 7 Mrd. Euro aufgelaufen. Wann das Unternehmen Airborne, das mittlerweile unter der Post-Marke DHL firmiert, schwarze Zahlen schreiben soll, wagt Zumwinkel nicht mehr zu prognostizieren. Zu oft hat er sich korrigieren müssen.
Satte 600 Mio. Euro musste die Post am Mittwoch auf den Wert ihres Paketgeschäfts in den USA abschreiben. Bereits 2005 hatte sie den Buchwert des US-Geschäfts um 434 Mio. Euro korrigiert. In Summe ist Airborne damit vollständig aus der Post-Bilanz getilgt. Nun sucht Zumwinkel den Ausstieg: verkaufen, verschenken, Hauptsache, weg damit. "Die Zeit ist reif", sagt ein Post-Manager. "Es geht einfach nicht mehr bei diesen Verlusten."
Wunschpartner der Bonner ist der US-Rivale Fedex. Gespräche zwischen Zumwinkel und Fedex-Chef Frederick Smith laufen bereits, ist zu hören. Das Dilemma der Post: Sie braucht den Partner dringender als der Partner die Post. Den vollständigen Rückzug aus dem inneramerikanischen Markt kann sich Zumwinkel nicht leisten. Logistik ist ein internationales Geschäft - einem Kunden aus Asien ist es schlecht zu erklären, dass man seine Sendung zwar bis zum Flughafen in New York bringen kann, aber nicht bis zum Kunden in Brooklyn.
Eine Position der Stärke für die kommenden Verhandlungen sieht anders aus. Daran ist nicht nur die jüngste Abschreibung schuld, sondern auch eine Serie von Misserfolgen, die Anlegern und Kunden im Gedächtnis geblieben ist.
Zuerst das Qualitätsdebakel. Die Kunden hätten anfangs nicht gewusst, was sie von der neuen DHL erwarten sollten, sagt Theodore Scherck, Chef des Logistikberatungsunternehmens Colography in Atlanta. Denn Airborne sei im Vergleich zu Fedex und UPS immer der günstigere Anbieter gewesen, dafür aber der mit dem schlechteren Service. Das passt nicht ins Konzept der Post. Zumwinkel hat erstklassige Dienstleistung versprochen, um eines Tages mit den beiden Marktführern in einer Liga zu spielen.
Zumwinkel zieht Konsequenzen: Post-Vorstand Uwe Dörken, wie Zumwinkel ein ehemaliger McKinsey-Berater, muss im November 2004 Knall auf Fall gehen. Ihm folgt der Australier John Mullen, dem Analysten und Anleger einiges zutrauen. Die Gewinnschwelle für das US-Geschäft ist zwischenzeitlich erneut verschoben worden.
Ein knappes Jahr später, im Herbst 2005 dann der nächste Tiefschlag: Die lange geplante Zusammenlegung der beiden Luftfrachtdrehkreuze von DHL und Airborne in Wilmington, im Bundesstaat Ohio, gerät zum Desaster. Pakete werden tagelang nicht abtransportiert, wichtige Dokumente kommen nicht bei den Kunden an. "Ein Fiasko", konstatiert damals ein Berater. Mit viel Überredungskunst und günstigen Tarifen hatte das DHL-Management Kunden dazu gebracht, ihren Service auszuprobieren, und nun so etwas!
Zumwinkel gelingt es, den Vorfall zu kaschieren. Er hat gerade seinen nächsten Coup gelandet: Für 5,5 Mrd. Euro übernimmt er Exel. Der britische Logistiker unter Führung des heutigen Post-Finanzchefs John Allan gilt als Vorzeigeunternehmen. Früher und erfolgreicher als alle Wettbewerber haben es die Briten geschafft, neben reinen Transporten auch anspruchsvollere, margenträchtigere Dienstleistungen für die Kunden zu übernehmen: Zumwinkel ist auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn - er könnte die Gelegenheit nutzen, sich mit 62 in den Ruhestand zu verabschieden.
Tut er aber nicht. Dafür beschließt die Post, die Ergebnisse im US-Expressgeschäft nicht mehr separat auszuweisen. "Die Wettbewerber haben mit den Angaben gegen uns Stimmung gemacht", begründet ein Sprecher das Vorgehen. Die Analysten sind entsetzt und werfen dem Konzern "Verschleierungstaktik" vor.
Offen wird nun Zumwinkels langjähriges Credo infrage gestellt: der Aufbau eines globalen Transportkonzerns auf den Säulen Brief, Paket, Logistik und Finanzdienstleistungen. "Wir glauben, 2006 ist die Zeit, über eine Aufspaltung des Konzerns in drei unabhängige, börsennotierte Gesellschaften nachzudenken", heißt es damals in einer Analyse der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein. Zwischen den Sparten Briefgeschäft, Express und Logistik sowie Postbank seien die Überschneidungen so gering, dass die Anleger einen der höchsten Konglomeratsabschläge in Europa hinnehmen müssten.
Zumwinkel und sein damaliger Finanzvorstand Edgar Ernst, auch ein Ex-McKinsey-Mann, lassen sich nicht beirren. "Unsere Strategie ist richtig", wiederholen sie. Erst 2006 räumt Zumwinkel ein, dass der Einstieg ins US-Geschäft zu ambitioniert war: "Es war ein Fehler, dass wir dachten, wir könnten unseren Marktanteil rasch ausbauen." Die Ziele sind zu diesem Zeitpunkt bereits stark zurückgeschraubt. 12 bis 15 Prozent des Marktes wolle man bis 2009 erreichen, sagt damals Hans Hickler, der heute noch das Expressgeschäft in den USA leitet. 2003 war noch die Rede davon gewesen, mit UPS und Fedex gleichzuziehen. Die beiden halten jeweils rund 40 Prozent des US-Markts - und fahren statt Verlusten zweistellige Renditen ein.
"Wir sind nicht hier, um Marktanteile zu erkämpfen, sondern um einen Netzknoten anzubieten", verkündet nun Hickler. "Die Kunden verlangen, dass wir hier sind." Er sehe "keine Alternative zu dieser Strategie", beteuert auch Zumwinkel.
Trotzdem wird Ernst im Herbst 2007 abserviert. Zu groß ist die Kritik aus der Finanzwelt geworden. Die Kommunikation sei inkonsistent und "sehr irritierend", bemängeln Analysten. Der bisherige Logistikvorstand Allan rückt Ernst nach. Dessen frühere Aufgaben nimmt seitdem Frank Appel wahr. Er gilt als designierter Nachfolger Zumwinkels.
In aller Eile will der scheidende Chef den Konzern wieder in einen vernünftigen Zustand bringen. Der Fahrplan steht schon fest: Neben dem Ausstieg aus dem US-Geschäft soll eine größere Zahl an Immobilien verkauft und die IT an Hewlett-Packard ausgelagert werden. Die Postbank soll mit einem gleichwertigen Partner fusionieren, weltweit steht den Konzernmitarbeitern ein Stellenabbau bevor.
Zumwinkel bleibt nur noch wenig Zeit, um zu verhindern, dass ihn dasselbe Schicksal ereilt wie Jürgen Schrempp. Der DaimlerChrysler-Chef hatte sich stets geweigert, den defizitären US-Arm des Konzerns wieder abzustoßen, und gilt seither als Kapitalvernichter. Den Verkauf erledigte Dieter Zetsche - und ließ sich dafür feiern.