Ein Investor dagegen achtet auf andere Zahlen, das Eigenkapital etwa, das bei Air Berlin gerade noch vier Prozent der Bilanzsumme ausmacht. Demnach ist Air Berlin ein ziemlich luftiges Unternehmen.
Auf rund 100 Mio. Euro sind die eigenen Geldmittel inzwischen zusammengeschmolzen. Sie wären sogar schon komplett aufgebraucht, hätte die Fluggesellschaft Etihad als Großaktionär nicht im ersten Halbjahr 163 Mio. Euro Darlehen gegeben und hätten nicht Aktienverkäufe und eine Steuergutschrift im zweiten Quartal die Bilanz aufpoliert. Wenn Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn euphemistisch sagt: "Es läuft", muss wahrheitsgemäß ergänzt werden: die Zeit.
Seit einem Jahr steht der erfolgreiche Bahn-Sanierer an der Spitze der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft. Aber er hat es bisher nicht geschafft, einen Plan aufzuzeigen, wie Air Berlin dauerhaft neben der Lufthansa bestehen will. Zugestanden, die Bedingungen in seinem ersten Jahr waren widrig: Hohe Kerosinpreise und die verspätete Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg bereiteten Mehdorn unerwartete Schwierigkeiten. Und immerhin hat er mit Etihad einen Kapitalgeber gefunden, der Air Berlin stützt. Dennoch zeichnen sich auch Mehdorns Schwächen ab.
Er führt zu lange - auch aus alter Verbundenheit - den Kurs seines Vorgängers Joachim Hunold fort, der Air Berlin groß gemacht hat, aber strukturell auch wuchern ließ. Wie schon in seiner Ära bei Heideldruck zögert Mehdorn, Air Berlins Probleme grundsätzlicher anzugehen - etwa durch einen Verzicht auf das Pauschal- oder das Regionalgeschäft. Stattdessen legt er hier eine Strecke still und dort eine. Dabei täten eine stärkere Fokussierung und eine Stilllegung aller unrentablen Strecken not, auch wenn er sich damit zum Buhmann der Gewerkschaften machen würde.
Kommen nicht bald bessere Zeiten, muss Air Berlin ums Überleben kämpfen. Für Fluggäste in Deutschland wäre eine Pleite bitter. Dann hätte die Lufthansa praktisch eine Monopolstellung und könnte die Preise nach Belieben diktieren.