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Merken   Drucken   29.01.2012, 11:59 Schriftgröße: AAA

Angeschlagene Drogeriekette: Schlecker - Anatomie einer Insolvenz

Als 2011 die erste moderne Filiale aufmachte, schien es so, als hätte das Unternehmen eine rosige Zukunft vor sich. Nicht nur dass damals ausgerechnet Axel Schulz als Werbefigur gebucht wurde, hätte stutzig machen sollen. Eine Reportage über den Untergang.
© Bild: 2012 Reuters/PAWEL KOPCZYNSKI
Als 2011 die erste moderne Filiale aufmachte, schien es so, als hätte das Unternehmen eine rosige Zukunft vor sich. Nicht nur dass damals ausgerechnet Axel Schulz als Werbefigur gebucht wurde, hätte stutzig machen sollen. Eine Reportage über den Untergang. von Alexander Hübner und Hendrik Sackmann
Die Zukunft von Schlecker liegt in Allmendingen. "Grüß Gott", schallt es dem Kunden an diesem nebelverhangenen Tag auf der Schwäbischen Alb freundlich entgegen, der Schlecker-Laden in der Hauptstraße 33 ist hell, die Gänge breit, farbige Produktlogos sorgen für Orientierung zwischen den niedrigen Regalreihen. Und an der Scannerkasse kann mit Bankkarte oder Handy bezahlt werden - eine Revolution für jeden, der die spartanisch ausgestatteten alten Drogeriemärkte kennt. Eine Revolution war es auch, als Lars Schlecker hier, keine acht Kilometer von der Firmenzentrale in Ehingen entfernt, im Februar 2011 den ersten "Schlecker 2012" eröffnete. Der Sohn des Firmenpatriarchen Anton Schlecker sprach von "Aufbruchstimmung", der ehemalige Schwergewichtsboxer Axel Schulz schrieb Autogramme.
Schulz war einmal berühmt. Seine besten Zeiten hatte er in den 90er Jahren, als auch Anton Schlecker im Zenit des Erfolgs stand. Da boxte Schulz dreimal um die Weltmeisterschaft - und verlor dreimal. Ausgerechnet er sollte für den "neuen" Schlecker stehen? "2012 melden wir uns zurück - mit steigenden Umsätzen und Filialzahlen", versprach der großgewachsene, schlanke Lars Schlecker neben dem bulligen Ex-Boxer. Jetzt ist 2012, und die Zukunft ist ungewisser denn je. Schlecker ist zahlungsunfähig, mit mehr als 35.000 betroffenen Beschäftigten die größte und aufsehenerregendste Pleite in Deutschland seit Karstadt.
Mit Chaos kann man keinen Neuanfang wagen
Dabei sollten bald alle Schlecker-Filialen aussehen wie die in Allmendingen. "For you. Vor Ort." heißt das Ladenkonzept, das Schlecker bundesweit ausrollen wollte, um damit den verlorenen Boden auf die Konkurrenten Rossmann, dm und Müller gutzumachen. 230 Mio. Euro sollte das kosten. Offenbar zu viel. "Man hat gezögert - auch aus finanziellen Gründen", sagt Thomas Roeb, Einzelhandelsexperte von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der in der vergangenen Woche eigentlich die Ergebnisse seiner Studie zur "lokalen Optimierung des Sortiments" in Ehingen präsentieren sollte. Die Insolvenz kam dazwischen. "Schlecker war schon immer weniger rentabel als die Konkurrenz. Da blieben wenige Reserven für den Umbau." Ein, vielleicht eineinhalb Prozent Umsatzrendite traut Roeb Schlecker zu. "Konkurrenten kommen auf das Doppelte oder Dreifache." Und die Umsätze schrumpften, mit zweistelligen Minusraten.
Letztlich reichte es nur, um ein paar hundert Filialen neu auszustatten. Die dort arbeiten, hoffen. "Hier geht es auf jeden Fall weiter", ist die Verkäuferin sicher, die gerade Waren bei Schlecker im Frankfurter Nordend auspackt. Die erste Lieferung seit der Insolvenz passt in einen Einkaufswagen, und im Regal mit den Zahnbürsten klaffen große Lücken. "Schließlich sind wir eine der modernsten Filialen." Genauer: Die einzige in der 690.000-Einwohner-Stadt Frankfurt, die schon den neuen Schriftzug trägt, der laut Schlecker "plakativer und sympathischer" wirken soll als die sonst allgegenwärtigen klobigen Blockbuchstaben. Viel los ist trotzdem nicht am Freitagmorgen um neun. "Abends sind wir zu zweit. Die Frühschicht schafft schon einer allein", sagt die Mittfünfzigerin.
"Dass etwas nicht stimmte, war nicht zu übersehen"
Die Insolvenz wirkte chaotisch, noch chaotischer als das Pleiten sonst tun. "Das kann man doch nicht drei Tage vorher ankündigen", schüttelt ein PR-Experte den Kopf, der schon viele Insolvenzen begleitet hat. In einer offensichtlich hastig formulierten Pressemitteilung sprach Schlecker von "geplanter Insolvenz", als habe man schon länger darauf hingearbeitet, und warf Fachausdrücke wie Planinsolvenz (die Sanierung unter dem bestehenden Unternehmensdach) und Eigenverwaltung (Sanierung mit dem bestehenden Management) munter durcheinander.
"Dass etwas nicht stimmte, war nicht zu übersehen. Aber diese Dramatik war nicht abzusehen", sagt Christiane Scheller, die Sprecherin der Gewerkschaft Verdi. "Warum das jetzt in die Luft geflogen ist, weiß nur Schlecker." Vielleicht hätte Anton Schlecker gerne noch wenigstens bis zum 1. März durchgehalten, mutmaßen Experten. Dann hätte er nach dem neuen Insolvenzrecht einen Anspruch darauf gehabt, die Firma selbst zu sanieren. Nach der heutigen Gesetzeslage hat erst einmal der Insolvenzverwalter die Hosen an.
Wie viele Filialen Schlecker noch hat, ist ein auch in der Insolvenz gut gehütetes Geheimnis. 8000 waren es noch vor einem Jahr, da hatte man schon in mehr als 2000 Orten zugesperrt. Eine größere vierstellige Zahl sei 2011 geschlossen worden, erfährt man hinter vorgehaltener Hand. Ende Dezember legte Schlecker den Betriebsräten endlich Zahlen auf den Tisch, nannte 600 weitere Filialen, die im Januar und Februar dichtgemacht werden sollten, berichtet die Verdi-Sprecherin Scheller. "Vielleicht sind noch 6500, vielleicht nur 6000 übrig", schätzt Handels-Professor Roeb.

Teil 2: "Leser melden Schließungen von Schlecker-Filialen"

  • Reuters, 29.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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