Mit Chaos kann man keinen Neuanfang wagenDabei sollten bald alle Schlecker-Filialen aussehen wie die in Allmendingen. "For you. Vor Ort." heißt das Ladenkonzept, das Schlecker bundesweit ausrollen wollte, um damit den verlorenen Boden auf die Konkurrenten Rossmann, dm und Müller gutzumachen. 230 Mio. Euro sollte das kosten. Offenbar zu viel. "Man hat gezögert - auch aus finanziellen Gründen", sagt Thomas Roeb, Einzelhandelsexperte von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der in der vergangenen Woche eigentlich die Ergebnisse seiner Studie zur "lokalen Optimierung des Sortiments" in Ehingen präsentieren sollte. Die Insolvenz kam dazwischen. "Schlecker war schon immer weniger rentabel als die Konkurrenz. Da blieben wenige Reserven für den Umbau." Ein, vielleicht eineinhalb Prozent Umsatzrendite traut Roeb Schlecker zu. "Konkurrenten kommen auf das Doppelte oder Dreifache." Und die Umsätze schrumpften, mit zweistelligen Minusraten.
Letztlich reichte es nur, um ein paar hundert Filialen neu auszustatten. Die dort arbeiten, hoffen. "Hier geht es auf jeden Fall weiter", ist die Verkäuferin sicher, die gerade Waren bei Schlecker im Frankfurter Nordend auspackt. Die erste Lieferung seit der Insolvenz passt in einen Einkaufswagen, und im Regal mit den Zahnbürsten klaffen große Lücken. "Schließlich sind wir eine der modernsten Filialen." Genauer: Die einzige in der 690.000-Einwohner-Stadt Frankfurt, die schon den neuen Schriftzug trägt, der laut Schlecker "plakativer und sympathischer" wirken soll als die sonst allgegenwärtigen klobigen Blockbuchstaben. Viel los ist trotzdem nicht am Freitagmorgen um neun. "Abends sind wir zu zweit. Die Frühschicht schafft schon einer allein", sagt die Mittfünfzigerin.
"Dass etwas nicht stimmte, war nicht zu übersehen"
Die Insolvenz wirkte chaotisch, noch chaotischer als das Pleiten sonst tun. "Das kann man doch nicht drei Tage vorher ankündigen", schüttelt ein PR-Experte den Kopf, der schon viele Insolvenzen begleitet hat. In einer offensichtlich hastig formulierten Pressemitteilung sprach Schlecker von "geplanter Insolvenz", als habe man schon länger darauf hingearbeitet, und warf Fachausdrücke wie Planinsolvenz (die Sanierung unter dem bestehenden Unternehmensdach) und Eigenverwaltung (Sanierung mit dem bestehenden Management) munter durcheinander.
"Dass etwas nicht stimmte, war nicht zu übersehen. Aber diese Dramatik war nicht abzusehen", sagt Christiane Scheller, die Sprecherin der Gewerkschaft Verdi. "Warum das jetzt in die Luft geflogen ist, weiß nur Schlecker." Vielleicht hätte Anton Schlecker gerne noch wenigstens bis zum 1. März durchgehalten, mutmaßen Experten. Dann hätte er nach dem neuen Insolvenzrecht einen Anspruch darauf gehabt, die Firma selbst zu sanieren. Nach der heutigen Gesetzeslage hat erst einmal der Insolvenzverwalter die Hosen an.
Wie viele Filialen Schlecker noch hat, ist ein auch in der Insolvenz gut gehütetes Geheimnis. 8000 waren es noch vor einem Jahr, da hatte man schon in mehr als 2000 Orten zugesperrt. Eine größere vierstellige Zahl sei 2011 geschlossen worden, erfährt man hinter vorgehaltener Hand. Ende Dezember legte Schlecker den Betriebsräten endlich Zahlen auf den Tisch, nannte 600 weitere Filialen, die im Januar und Februar dichtgemacht werden sollten, berichtet die Verdi-Sprecherin Scheller. "Vielleicht sind noch 6500, vielleicht nur 6000 übrig", schätzt Handels-Professor Roeb.