Die Wirtschaftsprüfer lassen ihr durch die Milliardenpleite des US-Konzerns Enron vor zehn Jahren diskreditiertes Geschäftsmodell aufleben. Auf breiter Front investieren sie in die Beratung ihrer Kunden außerhalb der traditionellen Wirtschaftsprüfung. Selbst der bislang zurückhaltende Traditionskonzern BDO vollzieht den Schwenk: "Ich persönlich treibe jetzt den Ausbau der Beratungsdienstleistungen forciert voran", sagte Holger Otte, Chairman des Branchenfünften BDO International mit rund 5 Mrd. Euro Umsatz und Vorstandschef sowie Hauptaktionär der deutschen BDO-Einheit, der FTD.
Ab August bietet BDO in Deutschland unter der Marke BDO Legal mit rund 40 Anwälten Rechtsberatung an. Aber das sei nur der Anfang, so Otte. "Wir schauen uns das gesamte Spektrum von Unternehmensberatung an. Ich kann mir vorstellen, dass wir schon in drei Monaten mit weiteren Modulen auf dem Markt sind." Konkret arbeite man etwa an den Themen Aufsichtsratsberatung, Compliance, also rechtskonformem Management, und IT-Beratung.
Ottes Pläne sind das Ergebnis der EU-Regulierungspläne für die Branche und konterkarieren deren ursprüngliche Stoßrichtung. Binnenmarktkommissar Michel Barnier hatte die Regulierungsreform initiiert, derzeit diskutieren die 27 Mitgliedsstaaten und das EU-Parlament die Pläne. Erklärtes Ziel Barniers: Verbesserung der Qualität, stärkere Unabhängigkeit der Bilanzprüfer und Aufbrechen der Marktmacht der vier dominierenden Anbieter KPMG, Ernst & Young, PricewaterhouseCoopers und Deloitte. Anlass war unter anderem, dass auch Wirtschaftsprüfer gefährliche Risiken in den Bankbilanzen vor der Finanzkrise übersehen hatten.
Um Interessenkonflikte der Prüfer einzudämmen, hat Barnier vorgeschlagen, bei Unternehmen von öffentlichem Interesse wie großen Aktiengesellschaften oder Banken den Wirtschaftsprüfern die parallele Beratung ihrer Prüfungskunden zu verbieten oder sie zumindest stark einzuschränken. Doch im EU-Parlament hat sich nach dem Eindruck Ottes und anderer Branchenvertreter inzwischen die Meinung durchgesetzt, dass ein höheres Maß an Beratung die Qualität der Wirtschaftsprüfung eher erhöht. Auch unter den 27 Mitgliedsstaaten stoßen nach FTD-Informationen Ideen für eine allzu starre Beschränkung für Beratungsleistungen auf Skepsis. Bislang ließ die EU die Branche solche Fragen weitgehend selbst regulieren. Für den Mittelstand, BDOs Domäne, soll das auch weiterhin gelten.
Als Sündenfall gilt die Enron-Pleite im Jahr 2001. Damals hatten die Prüfer von Arthur Andersen die windigen Bilanzen Enrons durchgewunken, um die lukrativen Beratungsmandate ihrer Kollegen bei dem Energiehändler nicht zu gefährden. Im Jahr vor der Pleite hatte Andersen von Enron 25 Mio. Dollar für die Bilanzprüfung erhalten, aber 27 Mio. Dollar für weitere Beratungsleistungen. Die Implosion des US-Konzerns vernichtete Milliarden an Aktionärsvermögen. Danach zwangen die Regulatoren die Wirtschaftsprüfer, ihre Beratungsleistungen außerhalb der Prüfung stark einzuschränken. Inzwischen haben die Firmen diese lukrativere Dienstleistung aber sukzessive wieder aufgebaut.
Otte sieht sich durch den Stand der Diskussion auf EU-Ebene aufgefordert, die Bremsen zu lockern. "Ich will vielleicht nicht so weit gehen zu sagen, dass der aktuelle Stand der Diskussion die ursprünglichen Ziele Barniers konterkariert. Aber sie sind enorm aufgeweicht." Für BDO besonders wichtig: Barnier beschränkt seine Regulierungsideen auf die großen, kapitalmarktorientierten und börsennotierten Firmen. BDO hat aber den Schwerpunkt im inhabergeführten Mittelstand - dem Barnier praktisch keine Beschränkungen auferlegen will. "Wir bei BDO interpretieren das als Votum für den Ausbau von Beratungsdienstleistungen", so Otte.
Die Unterstützung des EU-Parlaments und der Mitgliedsstaaten gegen Barnier ist ein Lobby-Erfolg vor allem der vier dominierenden Anbieter, die dafür viel Aufwand betrieben hatten. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber beispielsweise ist Vorsitzender des Beirats von Deloitte Deutschland. Die Beratung soll den Prüfern wieder lukratives Wachstum bringen. In der Wirtschaftsprüfung ist das nur noch schwer möglich, die Kunden drücken dort seit Jahren erfolgreich die Preise. Einige Anbieter haben daher in den vergangenen Monaten ihr Beratungsgeschäft bereits ausgebaut. So kaufte KPMG etwa im Juni den internationalen Experten für Einkauf und Lieferketten Brainnet mit rund 300 Beratern.
Derzeit erzielt BDO rund zehn Prozent seines Umsatzes in Deutschland von zuletzt rund 190 Mio. Euro mit Beratung. "Innerhalb von fünf Jahren sollen das zwischen 20 und 25 Prozent sein, also mehr als eine Verdoppelung."n Folge werden wir auch stärker wachsen", sagte Otte. Derzeit liege die Rate bei etwa fünf Prozent pro Jahr.