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Merken   Drucken   26.04.2011, 10:28 Schriftgröße: AAA

Bahn-Vorstand Homburg: "Mit dem Bus zu fahren ist einfach billiger"

Exklusiv Im FTD-Interview spricht Bahn-Vorstand Ulrich Homburg über Chancen und Risiken auf dem Fernbusmarkt, seine Ziele für die Expansion im Ausland - und warum er über halb leere Züge glücklich ist. von Leo Klimm  und Sven Oliver Clausen  Frankfurt
Klimaanlagendesaster, Schneepannen, Dauerprobleme mit ICE-Achsen, Ärger bei der Berliner S-Bahn - in zwei Jahren als Bahn-Vorstand für Personenverkehr hat Ulrich Homburg  sich an die Rolle des Prügelknaben gewöhnt. Sie gehört dazu, wenn man das 15 Mrd. Euro schwere Kerngeschäft des Konzerns verantwortet. Mit bis zu 300 neuen Fernzügen, die nun bestellt werden, soll alles besser werden. Ab 2017.
Was der 55-jährige Ingenieur bis dahin mit der Bahn vorhat, erklärte er der FTD in seinem Frankfurter Büro. Der Konzern hat die Räume von der Dresdner Bank übernommen und praktisch alles belassen, wie es war. Als einzige Extravaganz gönnt sich Homburg eine wuchernde Grünpflanze. Als Getränk bietet er Cola an - "vollverbleit", wie er sagt. Cola light gibt es bei ihm nicht.
FTD Herr Homburg, 2012 sind die Olympischen Spiele in London. Fahren Sie hin?
Ulrich Homburg Als früherer Leichtathlet bin ich dem Sport eng verbunden, und wenn sich die Chance ergibt, live im Stadion dabei zu sein - warum nicht?
FTD Klappt das mit einem ICE, so wie Ihr Chef Rüdiger Grube  sich das gewünscht hat?
Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn   Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn
Homburg Das wäre natürlich klasse, und wir tun alles von unserer Seite, damit das klappt. Realistischer ist aber 2013. Schließlich hat sich schon der Auslieferungstermin für die 16 neuen internationalen ICE bei unserem Lieferanten Siemens um mehrere Monate verzögert. Die verbleibende Zeit sollte aber reichen, um Eurostar als bisherigem Monopolanbieter auf dieser Strecke Konkurrenz zu machen, bevor er uns ab etwa 2014 mit Zügen nach Deutschland herausfordert.
FTD Sie betonen neuerdings bei jeder Gelegenheit Ihre Auslandspläne. Soll das nach der Absage des Börsengangs die neue Großmotivation der Bahner sein?
Homburg Erstes Ziel ist, unseren Kunden im Heimatmarkt wieder die Reisequalität zu bieten, die sie zu Recht von uns erwarten. Das macht unsere Fahrgäste zufriedener und uns auch. Und zweites Ziel ist die Auslandsexpansion, das stimmt. Wir wollen die treibende Kraft sein bei den Liberalisierungs- und Konzentrationsprozessen, die sich gerade in Europa auftun.
FTD Ärgerlich nur, dass die Siemens-Züge bisher gar keine Zulassung fürs Ausland bekommen. Sind Sie überhaupt in der Lage, Ihre hochfliegenden Expansionspläne umzusetzen?
Homburg Die Pläne sind nicht hochfliegend, eher zurückhaltend. Wir bieten nur Verbindungen an, die wirtschaftlich tragfähig sind. Und wenn wir nicht bestimmte Strecken besetzen, tun es andere Bahnkonzerne an unserer Stelle. Trotzdem starten wir wie geplant ab Dezember gemeinsam mit der französischen Bahn SNCF die neue Verbindung von Frankfurt am Main nach Marseille - statt mit dem ICE fahren wir eben erst mal mit dem französischen Schnellzug TGV.
FTD In neue Dimensionen werden Sie so nicht vorstoßen. Der Chef Ihrer 2010 für 3 Mrd. Euro erworbenen britischen Nahverkehrstochter Arriva hat dafür das Geldausgeben entdeckt. 2,3 Mrd. Euro will er in den nächsten drei Jahren investieren. Ist das machbar?
Homburg Wir haben für Arriva einen sehr strammen Wachstumskurs vorgesehen. Allerdings bezieht sich die genannte Summe auf alle Investitionen ins Neu- und Bestandsgeschäft über die nächsten fünf Jahre, nicht drei. Das umfasst dann sowohl die Fahrzeugkäufe als auch alle sonstigen Investitionen im Rahmen neuer oder bestehender Verträge - der verbleibende Betrag für potenzielle Übernahmen ist der deutlich kleinere Teil. In Großbritannien etwa wollen wir am liebsten alle fünf Fernzugstrecken gewinnen, die demnächst ausgeschrieben werden. Allein dafür bräuchten wir dann erhebliche Investitionsmittel.
FTD Wollen Sie denn die Bahn-Schulden von 17 Mrd. Euro weiter in die Höhe treiben?
Homburg Bestimmt nicht. Die Investitionen sind längst in unseren Planungen. Sonst wären wir kein seriöses Unternehmen.
FTD Arriva betreibt in zwölf Ländern Regionalverkehr. Fast überall hängt das Geschäft von Staatszuschüssen ab. Die Staaten aber müssen sparen. Da wird es doch eng für Sie.
Homburg Das muss nicht so sein. Viele öffentliche Auftraggeber in ganz Europa melden jetzt konkreten Bedarf an, die Verträge nachzuverhandeln. Im Gegenzug für geringere Zuschüsse bekommen wir meist größere Freiheiten bei der Entwicklung von eigenwirtschaftlichen Verkehrskonzepten.
FTD In Spanien steht der zweitgrößte Busbetreiber des Landes zum Verkauf, Avanza. Interesse?
Homburg Es bleibt dabei: Unser Fokus liegt klar auf dem Heimatmarkt. Darüber hinaus sehen wir uns alle Gelegenheiten an, unabhängig von Avanza.
FTD Also auch Avanza?
Homburg Für Avanza gilt, was für alle Kaufgelegenheiten gilt: Wenn ein Unternehmen unsere Aktivitäten sinnvoll ergänzt, gut im Markt aufgestellt ist und der Preis stimmt, sind wir interessiert.

Teil 2: Weißer Fleck Frankreich

  • Aus der FTD vom 26.04.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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