Zumindest für ein paar Tage ist Lutz Rucktäschel der Gewinner. "Spannende Woche", sagt er, und zählt auf: Sieben umgebaute Max-Bahr-Märkte werden am Donnerstag eröffnet. In sieben künftigen Max-Bahr-Filialen beendet Vormieter Praktiker seinen Räumungsverkauf und übergibt sie für den Umbau. Und in weiteren sieben Praktiker -Häusern beginnt der nächste Ausverkauf.
Am Dienstag steht er in einer Vorzeige-Filiale in Lüneburg und versucht einige Journalisten von seinem Sieg zu überzeugen. Was Rucktäschel, der Chef der Praktiker-Tochtergesellschaft Max Bahr, dabei verschweigt: seine Situation ist noch viel spannender. Der finanziell ausgehungerte Mutterkonzern ist nur noch bis zum Monatsende durchfinanziert. Bis Freitag, einen Tag nach der Eröffnung der ersten umgebauten Max-Bahr-Märkte, braucht er nach aktuellem Stand aus den Verhandlungszimmern eine Überweisung. Fließt das Geld, hat Rucktäschel wirklich gewonnen. Andernfalls droht die Insolvenz.
In den kommenden drei Tagen spitzt sich die Praktiker-Krise damit auf einen einzigen, alles entscheidenden Moment zu - was angesichts des etwas mehr als ein Jahr schwellenden Notlage von Praktiker überraschend, aber notwendig ist. Denn Rucktäschels stiller Aufstieg ist die Folge eines nimmerendend wollenden Strategiehickhacks, bei dem drei Konzernchefs verschlissen, zwei gegensätzliche Strategien präsentiert und mindestens ein Investor in der Schlussphase der Verhandlungen abserviert wurden.
Noch im Januar hatte der damalige Interims-Chef Thomas Fox eine Aufwertung der Marke Praktiker angekündigt, die sowohl den strategischen Spielraum als auch das Investitionsbudget von Max Bahr eingeengt hätte. Das Konzept wurde in zwei Testmärkten in Heppenheim und Kaiserslautern umgesetzt, erprobt, dann allerdings begraben.
Umso erleichterter dürfte Rucktäschel über den Schwenk zugunsten von Max Bahr sein, der ihm in den kommenden eineinhalb Jahren in einem guten Dutzend Wellen 120 bessere der bisher 234 Praktiker-Filialen vor die Füße spielen soll - auch wenn schon der Vorzeigemarkt in Lüneburg viel über die Schwierigkeiten der Umflaggung verrät. Gut über eine Million Euro hat der Umbau der Filiale gekostet - obwohl sie beim Neubau 2007 sogar als Max-Bahr-Filiale geplant und erst kurz vor der Eröffnung zum Praktiker-Markt umgewidmet worden war. Deshalb ist sie gut gelegen und groß genug. Trotzdem lagerte in zu engen Gängen das falsche Sortiment, war der Markt schlecht ausgeleuchtet und wurde von unkundigen Mitarbeitern geführt, als Rucktäschel mit seiner Stabsabteilung Umbau anrückte. Zustände, die Rucktäschel überall vorfindet. Nach der ersten teuren Umbauwelle sucht die Abteilung jetzt nach Sparpotenzial - und will bei kommenden Umbauten standardisierter arbeiten und auf unnötige Einrichtungsteile verzichten.
Den entscheidenden Erfolgsfaktor aber werden erst die kommenden Wochen zeigen: wie die Kunden reagieren. In der relativ kleinen Kreisstadt Lüneburg tritt Max Bahr künftig mit zwei Märkten gegen sich selbst an. Rucktäschel erwartet, dass der neue dem alten Kunden wegnimmt. "Über beide Märkte werden wir in der Stadt so viel Umsatz haben wie bisher auch", sagt er. "Der Vorteil ist, dass wir bei Max Bahr eine höhere Rohertragsmarge erzielen". In Süddeutschland ist die Kundenreaktion noch schwieriger kalkulierbar, weil Praktiker hier zwar unbeliebt, aber immerhin bekannt ist, Max Bahr aber unbekannt.
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Trotzdem waren es nicht zuletzt der österreichische Praktiker-Großaktionär Semper Constantia und der verbandelte zypriotische Fonds Maseltov, die die Max-Bahr-Offensive propagiert hatten und nun bis voraussichtlich Freitag einen Kredit im dreistelligen Millionenbereich gewähren müssem. Darüber wurde während Rucktäschels Präsentation verhandelt. Dass die Auszahlung gelingt, vermag bisher niemand zu versprechen, auch wenn Optimismus überwiegt.
Immerhin: eine Bank, die die Überweisung in Deutschland technisch abwickeln darf und deren Suche lange vergessen worden war, soll nun gefunden sein. Sie soll einen Hauptsitz in Luxemburg haben.