Eine Behörde sieht rot: Als das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) nach einem Radbruch an einer Berliner S-Bahn feststellte, dass das Unternehmen die Fristen zur Prüfung der Zugräder systematisch missachtet, griff das Amt durch. Auf Geheiß des EBA sind derzeit zwei Drittel der Züge ausrangiert, auf dem zentralen Verkehrsstrang der Hauptstadt fahren keine S-Bahnen.
Hart könnte es auch die Betreiber von Güterzügen treffen, die das EBA zu einer Anhörung vorgeladen hat. Unter dem Eindruck des Kesselwagenunglücks in Italien, bei dem Ende Juni 24 Menschen mutmaßlich wegen einer maroden Achse starben, will das Amt kürzere Prüffristen für Radsatzwellen durchsetzen. Während die Staatsanwaltschaft Köln jüngst feststellte, dass der Bruch einer ICE-Achse vor einem Jahr auf Produktionsmängeln beruhte, vermutet das EBA, dass bei den Bahnbetreibern der Schlendrian regiert: Die Häufung von Achsbrüchen deute darauf hin, dass "die Instandhaltung von Güterwagen nicht in ausreichendem Maße erfolgt".
Die Deutsche Bahn (DB) und ihre privaten Wettbewerber laufen nun Sturm gegen eine Verschärfung der Auflagen. Sie fürchten auch zu viel öffentliche Aufmerksamkeit: "Die ganze Eisenbahnbranche kann sich eine Sicherheitsdiskussion nicht leisten", heißt es in einem Brief des Netzwerks Privatbahnen, eines Verbands wichtiger DB-Konkurrenten, an das EBA. Überzogene Reaktionen könnten dem Verkehrsmittel Bahn schweren Schaden zufügen. Klar ist, dass die vom EBA avisierte Kontrolle aller Güterwagenachsen und die Verkürzung der Prüffristen die Wartungskosten der von der Rezession gebeutelten Bahnen in die Höhe treiben würden.
Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat sich schon auf die Seite der Betreiber geschlagen. Er fordert vom EBA, Lösungen zu suchen, "die die Sicherheit der Fahrzeuge erhöhen, ohne gleichzeitig den gesamten Schienengüterverkehr in Europa faktisch lahmzulegen". Da fast alle der etwa 600.000 Güterwaggons in Europa auch in Deutschland eingesetzt werden, fordert Tiefensee ein europäisches Vorgehen. Das ist ohnehin geplant: Die Europäische Eisenbahnagentur lädt für nächste Woche zu einer Sondersitzung. Im September folgt noch eine EU-Sicherheitskonferenz.
Die Bahnen sehen die Schuld an den Achsproblemen auch bei den Lieferanten. So soll Bombardier am S-Bahn-Chaos in Berlin ungeachtet der Bahnversäumnisse mitschuldig sein. Wobei Achsen und Räder meist von kleinen Zulieferern wie der Radsatzfabrik Ilsenburg geliefert werden. Der verheerende Unfall in Italien, so der Verweis mehrerer Bahnen, gehe indes darauf zurück, dass die Achsen des Unglückswaggons der Verleihfirma GATX ein DDR-Fabrikat von 1974 waren - und nicht den Standards entsprachen.
Die Bahnen überlassen die technische Entwicklung der Radsätze meist den Herstellern, die Deutsche Bahn etwa hat nur die erste Generation des ICE selbst entwickelt, bei den Folgemodellen zog sie sich schon komplett auf die Kundenrolle zurück. Für die Sicherheit der Achsen und deren fristgerechte Prüfung sind sie später als Betreiber aber gesetzlich verantwortlich.