Sie wissen, wann die Deutschen schlafen und in welcher Minute des Tages der Strombedarf am höchsten ist. Die überdimensionale Digitaluhr des Energiekonzerns
RWE in der Schaltwarte Brauweiler bei Köln springt auf 11.45 Uhr. In der nächsten Minute an diesem Mittwoch im Juni klettert die Kurve des Stromverbrauchs auf den höchsten Punkt des Tages. Hausfrauen stellen die Elektroherde an, Fabrikmaschinen laufen auf Hochtouren, in den Büros flimmern Bildschirme. Gut 31.000 Megawatt Leistung müssen die Kraftwerke des Stromkonzerns jetzt hergeben. In dieser Minute verkauft RWE Strom für ungefähr 100.000 Euro.
Der Kurvenverlauf sei typisch für einen Sommertag, sagt Joachim Vanzetta, Leiter der Systemführung in Brauweiler. Im Winter sieht die Kurve anders aus. Dann ist die Verbrauchsspitze erst erreicht, wenn es dunkel wird.
Die Ingenieure in der RWE-Schaltwarte steuern von der rheinischen Kleinstadt aus das Hochspannungsnetz in mehreren Ländern Europas. Ihre Arbeit gleicht der von Artisten, die Bälle auf Halbkugeln balancieren: Verbrauch und Erzeugung des Stroms müssen in jeder Sekunde im Gleichgewicht sein - doch beides schwankt ständig. Windstrom drängt mal zuhauf ins Netz, mal bleibt er aus. Bagger reißen Kabel in Stücke. Stromimporte kommen an, Exporte fließen ab. "Es ist ein labiles Gleichgewicht, das wir halten müssen", sagt Klaus Kleinekorte, Geschäftsführer der RWE-Tochter Transportnetz Strom.
Gleichgewicht bei 50 Hertz
Im Moment sieht es gut aus für Kleinekorte und sein Team. Der Zeiger des Messgeräts in der Schaltwarte pendelt leicht um 50 Hertz. Dort liegt das Gleichgewicht. Die riesigen Generatoren in sämtlichen Kraftwerken rotieren jetzt mit genau 3000 Umdrehungen in der Minute. Sekunden später neigt sich der Zeiger leicht nach links. Um zwei, drei Tausendstel Herz sinkt die Frequenz, weil der Verbrauch gestiegen ist. Elektroingenieur Ralf Teubert steuert von seinem Schreibtisch aus gegen. Mit der Computermaus klickt er ein Symbol auf einem der vier großen Monitore an. So setzt er eine Turbine in Betrieb, die sich im fernen Wasserkraftwerk Vianden an der luxemburgischen Grenze befinden. Nach ein paar Sekunden produziert sie 120 Megawatt - genug, um 100.000 Haushalte zu versorgen. Das Gleichgewicht ist wieder da.
Rund um die Uhr beobachten zwei Spezialisten das Netz und sichern seine Stabilität. Ihr Großraumbüro erinnert an den Kommandostand eines Raumschiffs in einem frühen Science-Fiction-Film. Eine 16 mal 5 Meter große Schautafel zeigt ein Gewirr aus farbigen, blinkenden Linien und Kreuzen. Die stehen für den aktuellen Betriebszustand des 12.000 Kilometer langen RWE-Höchstspannungsnetzes der Kraft- und Umspannwerke.
"Wenn die Kraftwerke vom Netz gingen, wäre halb Europa in kürzester Zeit dunkel", zeichnet Vanzetta das Schreckensszenario der Stromkonzerne. Zum Glück ist das noch nie passiert. Aber einmal fast: Es war der 28. September 2003, morgens um 3.26 Uhr. "Alle Instrumente gingen mit einem Ruck auf Anschlag", erinnert sich Elektroingenieur Manfred Berg. Plötzlich waren über 6000 Megawatt zu viel im Netz. Das entspricht der Leistung von fünf Atomkraftwerken.
Berg fuhr alle verfügbaren Pumpen in den Wasserkraftwerken hoch, um den überschüssigen Strom aufzunehmen. Als nächstes bremste er größere Steinkohle- und Kernkraftwerke auf den Status Schwachlast herunter. "Erst nach einer Stunde war alles wieder im Lot", sagt Berg.
Die Ursache des Beinahe-Desasters war ein Stromausfall in Italien. Dadurch war der größte Stromimporteur Europas vom Netz abgeklemmt. Hätte Berg nicht schnell und richtig reagiert, wäre ein Dominoeffekt wahrscheinlich gewesen.
Stromhändler reichen Fahrpläne ein
Große Stromzu- und -abflüsse planen die Ingenieure unter normalen Umständen von vornherein ein. Industrielle Großverbraucher etwa kündigen an, wenn sie Maschinen an- oder abschalten. Schließlich konsumieren die so viel wie eine deutsche Kleinstadt. Stromhändler reichen so genannte Fahrpläne ein - rund 1500 täglich. Jeder private Kunde mag seinen Stromverbrauch zwar ändern. Aber die vielen kleinen Mengen der Haushalte ergeben in der Summe jedes Mal einen ähnlichen Wert.
Zudem müssen die Schaltingenieure auf besondere Ereignisse achten, die den Stromverbrauch beeinflussen - etwa ein Fußballspiel der Champions League. In der Halbzeitpause öffnen Millionen von Fußballfans ihre Kühlschränke und betätigen die Lichtschalter auf den Toiletten. In Brauweiler lassen die Ingenieure vorher schon einmal die Pumpen in Vianden hochlaufen.
Nur bei der Sonnenfinsternis im August 1999 rätselten die Experten, was passieren würde: Machen alle gleichzeitig das Licht an, weil es dunkel wird? Oder laufen sie raus, um das Naturschauspiel zu sehen? "Bei der ersten großen Sonnenfinsternis in unserem Versorgungsgebiet fehlten uns Erfahrungswerte", sagt Vanzetta. Beim nächsten Mal weiß man: Fast alle laufen raus.