Scheu vor der Öffentlichkeit kennt Christian Clemens nicht. Der Tourismusmanager ist gerade mal vier Tage als Chef von TUI Deutschland im Amt, da präsentiert er sich in Hannover, legt erste Pläne vor und formuliert selbstbewusst seine Ziele. Und die sind durchaus ambitioniert: Das Unternehmen solle als Marke, was etwa den Service und die Beliebheit betrifft, "Deutschlands Disney" werden. Und damit nicht nur die Kunden, sondern auch die Aktionäre von TUI zufrieden sind, will Clemens auch die Rendite nach oben treiben: von um die zwei Prozent auf drei bis 3,5 Prozent. Was nahezu einer Verdopplung entspricht. "Und zwar in zwei bis drei Jahren", sagt er.
Clemens ist in unruhiger Zeit auf den wichtigen Chefposten von TUI Deutschland mit seinen sieben Millionen Kunden gerückt, dem bedeutendsten Einzelmarkt des Reisekonzern TUI Travel. Vieles ist im Umbruch bei der Holdingmutter, der TUI AG. Mit Fritz Joussen tritt Mitte Oktober der designierte neue Konzernchef an. TUI Deutschland wiederum, bislang von London aus gesteuert und kontrolliert, könnte schon bald durch eine komplizierte Transaktion aus TUI Travel herausgelöst und direkt der Holding in Hannover zugeschanzt werden.
Kommt es so, dann muss der 50-jährige Clemens seinen neuen Arbeitsstandort nicht gleich wieder wechseln: Sowohl die TUI AG als auch TUI Deutschland sitzen in demselben schmucklosen Bürokasten am Rande von Hannover. Ein Kommentar, ob ihm diese Neuorganisation recht wäre, ist dem gebürtigen Schweden nicht zu entlocken. Dabei ist davon auszugehen, dass auch Clemens sich an den ineffizienten, komplizierten Doppelstrukturen stößt, die sich bei der Mutterholding TUI und deren 56-Prozent-Beteiligung TUI Travel mit Hauptsitz in London über die Jahre gebildet haben. Dort sitzt als auch sein Mentor und Landsmann Johan Lundgren. Der Vizechef von TUI Travel arbeitet schon seit 16 Jahren mit Clemens zusammen. Gemeinsam waren die beiden einst beim Konkurrenten Thomas Cook , gemeinsam wechselten sie dann zu TUI, um dort das skandinavische Geschäft in Schwung zu bringen.
Wohl mit Erfolg. Lundgren rückte jedenfalls in die Konzernspitze auf. Und Clemens, der Ende der 60er Jahre in einem katholischen Kindergarten in Wien Deutsch gelernt hat, sanierte von 2008 an als Chef von TUI Nordic die damals defizitären Geschäfte. Heute erwirtschaftet die skandinavische Tochter, so Clemens, eine Rendite von sechs bis sieben Prozent, erzielt 65 Prozent des Umsatzes online und hat rund 80 Prozent der Reiseprodukte exklusiv für TUI im Angebot.
Diese Expertise soll Clement nun auch im umsatzstarken deutschen Markt einbringen. Deutlich mehr Online-Umsatz, individualisierte und weniger austauschbare Touristikangebote, eine flachere Hierachie, niedrigere Kosten sowie eine bessere Effizienz - und daraus resultierend: ein höherer Ergebnisbeitrag. Mit der Profitabilität und dem Wachstum der deutschen Tochter steht und fällt der Erfolg von TUI Travel - und damit auch von der TUI-Holding. Dass dürfte auch der neue Vorstandschef Joussen so sehen, von dem Clemens sagt: "Wir ticken gleich." Beide agieren ähnlich offensiv und zupackend, beide verabscheuen den Bürokratismus, der TUI teilweise so schwerfällig gemacht hat.
Für Clemens steht fest, dass es bei TUI in Hannover auch einer anderen Unternehmenskultur bedarf. Zu seiner ersten Amtshandlung gehörte, dass er die Tür zur bislang abgeriegelten Geschäftsführeretage geöffnet hat. Nun kann jeder Mitarbeiter umstandslos zu ihm kommen. Umgekehrt aber auch: Clemens steht gerne unvermittelt in den Büros seiner Leute, um Probleme zu klären.