Die Deutsche Bahn traut sich wieder Übernahmen von Logistikunternehmen zu. "Wir wissen, wo wir gerne Geld investieren würden", sagte Thomas Lieb, Chef der Bahn-Tochter DB Schenker Logistics, der FTD. Es müsse aber auch Verkäufer mit realistischen Vorstellungen geben. "Wir sind nicht bereit, überzogene Preise zu bezahlen, die man nicht innerhalb der nächsten zehn oder 20 Jahre verdienen kann", sagte Lieb. Bevorzugtes Ziel seien Schwellenländer und einige europäische Länder, in denen Schenker ein noch dichteres Inlandsnetz gebrauchen könne wie "in England, Italien oder in dem ein oder anderen Land in Nordeuropa". In China expandiere Schenker vor allem aus eigener Kraft dank einer bereits starken Stellung.
Die Logistiksparte der Bahn steht unter großem Druck zu wachsen, hatte sich aber seit der milliardenschweren Übernahme des US-Unternehmens BAX im Jahr 2005 mit Zukäufen zurückgehalten. Allerdings wollen Konkurrenten wie Kühne + Nagel in den nächsten Jahren deutlich stärker zulegen als der Gesamtmarkt, auch die angekündigte Übernahme des niederländischen Paketdienstleisters TNT Express durch den US-Konkurrenten UPS sorgt für neue Dynamik.
Bahn-Chef Rüdiger Grube hat zudem vor Kurzem das Ziel ausgegeben, dass der Konzern insgesamt den Umsatz bis 2020 im Vergleich zu 2010 auf 70 Mrd. Euro verdoppeln soll. Von den zusätzlichen 35 Mrd. Euro sollen allein 10 Mrd. durch Akquisitionen erreicht werden. Um die Mittel dafür müssen die Sparten konkurrieren.
Lieb, der mit Schenker Logistics das Speditionsgeschäft der Bahn - den Transport per Schiff, Flugzeug oder Lkw - verantwortet, geht selbstbewusst in diesen Wettbewerb. "Wir bringen heute 40 Prozent vom Umsatz der DB Gruppe, das wollen wir natürlich auch 2020. Eine Umsatzverdopplung auf unserer Seite in diesem Zeitraum, inklusive Akquisitionen, macht mich nicht bange." Und nicht nur die Position innerhalb der Bahn will Lieb verteidigen. "Im europäischen Landverkehr sind wir Marktführer, wir wollen das auch bleiben." Derzeit kommt Schenker auf einen Marktanteil von rund 2,5 bis drei Prozent. Experten erwarten eine Konsolidierung der zersplitterten Branche.
Dass die Bahn die Mittel bereitstellen wird, damit die Speditionstochter zukaufen kann, hält Lieb für sicher: "Unser Ergebnisanteil im Konzern ist relevant. Es ist eine einfache Regel, dass man da investieren sollte, wo die Rendite auf das eingesetzte Kapital am höchsten ist. Und ich denke, dass wir da nichts zu fürchten brauchen."
2011 erzielte Schenker Logistics einen operativen Gewinn (Ebit) von 403 Mio. Euro, etwa ein Sechstel des Konzerns. Nach FTD-Informationen soll sich das Ebit bis 2016 laut interner Vorgaben mehr als verdoppeln und der Umsatz um mehr als ein Drittel auf fast 21 Mrd. Euro steigen. Lieb wollte die Zahlen nicht im Einzelnen bestätigen, betonte jedoch: "Unsere Planung für die nächsten Jahre ist zwar ehrgeizig, aber erreichbar. Immer vorausgesetzt, es gibt nicht wieder eine globale Krise wie 2009 oder es kommt ein Sonderthema wie das US-Inlandsgeschäft." In Nordamerika hatte Schenker zunächst im vergangenen Sommer die inländischen Lufttransporte eingestellt und dann im Dezember den Landverkehr abgegeben.
Im Gegensatz zum massiv angeschlagenen Schienengüterverkehr der Bahn entwickelt sich das Speditionsgeschäft von Lieb derzeit gut. "Gerade im Luft- und Seebereich haben wir eine deutliche Steigerung unseres Ergebnisses im ersten Quartal, weil die Belastungen aus dem US-Inlandsgeschäft weggefallen sind", sagte er. Die Restrukturierungskosten seien alle im vergangenen Jahr angefallen. "Die Verbesserung im Ergebnis liegt daher insgesamt im deutlich zweistelligen Bereich", so Lieb.