Das Paradies ist klein und schroff: gerade einmal 6,5 Quadratkilometer misst der Kalksteinfelsen an Europas Südspitze. Eine Fläche so groß wie Baltrum, zugebaut mit Betonklötzen. In der Bucht, wo Mittelmeer und Atlantik zusammenfließen, ankern dreckige Öltanker, Tag und Nacht rumort der Hafen. Und auch Gibraltars Bewohner versprühen wenig Glamour: kleine Affen, windige Pokergeier, schmierige Finanzhaie - dafür ist die Halbinsel bekannt.
Dominik Kofert kann sich keinen besseren Ort vorstellen. Von hier aus will der Deutsche den Zufall abschaffen. In seiner Onlineschule Tradimo sollen die Menschen lernen, mit Devisen zu handeln: Euro gegen Dollar, Dollar gegen Yen, Yen gegen Pfund tauschen. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Kostenlos trainiert von Experten aus der Londoner City, ausgestattet mit einem scheinbar sicheren System. Es ist ein ambitioniertes Projekt und ein enormes Risiko für die Teilnehmer. Für Kofert ist es eine schier unerschöpfliche Geldquelle.
Der Deutsche steht auf der Spitze des Felsens und schaut zu, wie sich zwei Affen gegenseitig kratzen. "Als ich das erste Mal nach Gibraltar kam, war ich überrascht. Ich hatte so etwas wie ein zweites Monaco erwartet", sagt Kofert und deutet auf die Stadt unter ihm. "Aber hier ist es ganz normal." Der 32-Jährige ist ein Koloss von einem Mann, die Haare lang, am Kinn ein Bart. Auf den ersten Blick nicht wirklich ein Unternehmer, eher ein Nerd, ideal für sein Gewerbe. Vor sechs Jahren zog er aus Oxford her, wo er Philosophie und Mathematik studierte, um seinen Traum zu verwirklichen: eine Pokerschule im Internet.
Fernab der Gesetze in der Heimat, fernab der Kontrolle und des deutschen Fiskus. Dafür mit gibraltarischer Lizenz, die in ganz Europa anerkannt wird, und zehn Prozent Einheitssteuer. Kofert hat sechs Millionen Menschen das Kartenspiel beigebracht. Hat sie gelehrt, wann sie einsteigen und aussteigen, wann sie mitgehen, erhöhen oder alles setzen. Pokerstrategy.com, die weltgrößte Online-Pokerschule, hat das Spiel geprägt wie kein zweites Unternehmen. Eine Goldgrube für Tausende Profispieler, die nur vom Zocken leben - und ein Millionengeschäft für Kofert.
Doch dieses Geschäft blutet aus. "Poker ist kein Wachstumsmarkt mehr", sagt Kofert, "der Boom ist vorbei." Was Anfang der 2000er-Jahre als Trend im Internet begann, ist inzwischen ein riesiger Markt: 3,6 Mrd. Dollar werden jedes Jahr an virtuellen Tischen verzockt, schätzt die Uni Hamburg. Inzwischen ist es für die Pokerwebsites teurer, einen neuen Spieler zu gewinnen, als einen bestehenden zu halten. Die Community ist zu professionell. Wer heute einsteigt, braucht Jahre, um gut mithalten zu können, erzählen Profis.
Bisher hat Kofert ihnen bei Pokerstrategy mit Hunderten kostenlosen Artikeln, Videos und Seminaren beigebracht, wie sich mit dem Spiel Geld machen lässt. Dafür bekam er von angeschlossenen Pokerwebsites einen Teil der Gebühren ab, die jeder Spieler zahlt. Das System war genial. Von einer Fachzeitschrift wurde er kürzlich unter die 100 wichtigsten Menschen der Gambling-Branche gewählt. Doch ohne ständigen Nachschub an neuen Zockern stagniert sein Geschäft. Und die etablierten Profis gieren nach einem neuen Reiz. Kofert braucht Ersatz.
Tradimo soll dieser Ersatz sein. Vergangene Woche wurde die Website freigeschaltet, in 100 Stunden meldeten sich 12.000 Menschen an. Sie alle sollen hier lernen, wie sie mit Devisenhandel Geld verdienen können. Onlineartikel erklären, was ein Markt ist, wie ein Preis entsteht, was ein Broker macht. In Videoclips rast ein blaues Männchen um den Globus und doziert, wie ein Wechselkurs zustande kommt. Die Stimme im Off klingt nach Kinderkanal. Und ein bisschen ist das die Botschaft: Trading ist ein einfacher Währungstausch, von dem profitieren kann, wer sich nicht allzu doof anstellt.
Gesucht wird: ein Trend im Markt. Geht etwa der Kurs nach oben, nach unten, dann wieder nach oben, ist das ein Zeichen, dass er langfristig steigen könnte. Das verspricht Gewinn. "Wir versuchen, die Wahrscheinlichkeit zu unseren Gunsten zu beeinflussen", sagt Kofert. "Statt 50 zu 50 wollen wir eine 51-zu-49-Chance - das reicht schon." Wer sich nach dem Coaching fit fühlt, wird zu einem der angeschlossenen Broker vermittelt. Von da an gehen bis zu 50 Prozent der Einnahmen des Brokers direkt an Tradimo - egal, ob der User gewinnt oder verliert.
Gern hätte Tradimo auch etablierte Banken im Boot. Schließlich bieten selbst Häuser wie Cortal Consors, Comdirect oder Deutsche Bank Privatpersonen Zugang zu den Devisenmärkten. Mit einigen Instituten hat Tradimo über eine Partnerschaft verhandelt. Doch viele sind skeptisch. "Devisenhandel ist definitiv nichts für Einsteiger", sagt Daniel Schneider, der das Brokerage bei der Comdirect leitet. Dennoch würden viele Anbieter aggressiv um neue Kunden werben. So bieten auch einige Banken Online-Coachings im Devisenhandel an. Doch solche Seminare kosten schnell mehrere Tausend Euro. Bei Tradimo gibt es das Wissen gratis. Die Idee dahinter: Wer viel handelt, bringt viel Geld. Und viel handeln wird nur derjenige, der dabei auch gewinnt.
Aber warum ausgerechnet Devisenhandel? Der Markt, den Experten für einen der riskantesten halten? Warum Daytrading? Kofert sagt, das sei nun mal ein überschaubarer Bereich, allzu viele Währungspaare zu tauschen gebe es ja nicht.
Denkbar aber ist noch ein anderer Grund. Aus Daytrading lässt sich am schnellsten ein Spiel machen. Pokerprofis, die ohnehin an zehn Tischen gleichzeitig Karten zocken, könnten nebenbei Währungen handeln, wie an einem elften oder zwölften Tisch. Und das rund um die Uhr, ohne Börsenschlusszeiten - so kann auch die russische Community mitmachen, die schon heute die wichtigste Spielerklientel bei Pokerstrategy ist. Und noch einen plausiblen Grund gibt es: Der Laie kann mit wenigen Grundkenntnissen schon nach kurzer Zeit am Devisenhandel teilnehmen. Um aber langfristig erfolgreich zu sein, muss er viel, viel lernen - und bleibt so ständig bei Tradimo aktiv, erspielt sich Zusatzseminare, kauft Einzelcoachings.
Kofert will Tradimo ausbauen. Die Pokerspieler sollen dabei helfen: sowohl das Spiel als auch die nötigen Fähigkeiten sind ähnlich. Es geht um taktisches Geschick, analytische Gabe und Selbstbeherrschung. Wer seine Emotionen beim Poker nicht im Griff hat, verliert. Wer seine Gefühle beim Traden nicht unter Kontrolle behält, ist ruiniert.
Und so finden bei Tradimo zwei Zockergemeinden zusammen, die auf Gibraltar bisher vor allem nebeneinander existieren. 20 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verdankt die Halbinsel der Onlinegaming-Industrie, ein weiteres Viertel entfällt auf Finanzdienstleistungen. Im Bürogebäude von Pokerstrategy und Tradimo sitzen etliche weitere Pokerfirmen. Um die Ecke residieren Onlinebroker und Hedge-Fonds. Poker und Trading - das sind zwei Seiten einer Medaille. Prägeort: Gibraltar. Und so sind die Voraussetzungen für das Onlinespiel hier ideal: Finanzexperten gibt es vor Ort und potenzielle Trader in der hauseigenen Kartei. Allein 1,6 Millionen Mitglieder von Pokerstrategy hätten das Geld, um am Devisenmarkt mitzumischen.
Wenn auch nur ein Bruchteil zu Tradimo kommt, ist es ein Geschäft. Und das langfristig. Denn mit jedem Trade sammeln die Spieler Tradimo-Punkte, die sie gegen weitere Lerneinheiten tauschen können, etwa persönliche Seminare auf Gibraltar mit Profis aus der Londoner City. So sollen die Zocker immer neu begeistert werden und Tradimos Einnahmen sichern. Mehrere Millionen hat die Firma bereits investiert. Nun muss Rendite her.
Tradimo ködert mit einer Strategie, die auf Selbstbeherrschung setzt: Die Mitglieder sollen immer nur einen kleinen Teil ihres Geldes setzen, ungefähr zwei Prozent pro Trade. Auf dem Papier wird so die Wahrscheinlichkeit größer, dass der User etwas gewinnt, bevor er alles Geld verspielt. Das Gesetz der großen Zahl. "Wer sich daran hält, kann praktisch nicht pleitegehen", sagt Sebastian Kuhnert, der das Projekt leitet. Aber ob der Trader tatsächlich etwas verdient, ist zweifelhaft. "Wer glaubt, über Nacht reich zu werden, wird schnell eines Besseren belehrt", sagt Fabian John, Daytrading-Experte bei der Cefdex-Wertpapierhandelsbank.
"Die überwiegende Mehrheit der Einsteiger geht von vollkommen falschen Erwartungen aus und zahlt drauf." Denn beim Devisenhandel geht es nicht nur um 20 Euro Einsatz wie am Pokertisch. Das Geld wird gehebelt, um den möglichen Gewinn zu maximieren. Doch mit dem Hebel potenziert sich auch der Verlust. "Wer über ausreichend Kapital verfügt und ein Zockergen besitzt, kann innerhalb weniger Monate den Gegenwert eines Eigenheims verspielen - wie beim Glücksspiel", sagt John.
"Wir weisen den Kunden ganz deutlich darauf hin, dass es ein großes Risiko gibt", sagt Projektleiter Sebastian Kuhnert. Wer sich an das sogenannte Money-Management halte, sei auf der sicheren Seite. Außerdem gehe es häufig um maximal drei Trades pro Tag.
Jede Transaktion lässt auf Gibraltar die Kasse klingeln. Deswegen ist es egal, ob die breite Masse der Spieler gewinnt. Einige Hundert gute Zocker genügen schon. Beim Poker sorgen zehn Prozent der Spieler für 86 Prozent des Umsatzes. Nur 15 Prozent spielen überhaupt profitabel. Gut möglich, dass dies eine weitere Parallele zum Trading wird.