Eine Biogasanlage in Freckenhorst (Nordrhein-Westfalen)
Wenn Gerhard Reinbold mal wieder richtig viel Strom machen will, gibt er seiner Biogasanlage ihr Lieblingsfutter: fuhrenweise feinsten Getreideschrot. Es prasselt und staubt, als Reinbolds Traktor wieder und wieder halbgemahlene Weizenkörner zu den stinkenden Tierexkrementen baggert. Drei Viertel Getreide, ein Viertel Gülle, ein paar Millionen Methanbakterien, Deckel drauf, auf 38 Grad Celsius erhitzt, gut umgerührt, ein paar Stunden gären lassen - und schon kommt der Stromzähler an Reinbolds 300-Kilowatt-Blockheizkraftwerk auf Hochtouren. Rund 1,3 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom hat der Landwirt so im vergangenen Jahr abgesetzt, den Durchschnittsverbrauch von 450 Haushalten.
Noch vor wenigen Monaten waren Biogasbauern wie Reinbold allenfalls unerschütterlichen Freunden regenerativer Energien ein Begriff. Doch der unaufhörliche Anstieg der Ölpreise hat jetzt Umweltpolitiker über sämtliche Parteigrenzen hinweg zu glühenden Verfechtern dieser Energieform werden lassen. "Das Setzen auf erneuerbare Energien ist bitter notwendig, um vom Öl wegzukommen", sagte etwa Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung kurz vor der Wahl. Und auch der Energieexperte der Unionsfraktion, Peter Paziorek, sieht bei den erneuerbaren Energien "langfristig große Potenziale, insbesondere in den Bereichen Biomasse und Biogas".
Die neue Leidenschaft für Energie aus Gülle und Getreide ist eine der skurrilsten Folgen des rasanten Anstiegs der Ölpreisnotierungen: Je Barrel (159 Liter), kostet der Rohstoff inzwischen fast schon 70 $. Und ein Ende der Aufwärtsspirale ist noch nicht abzusehen: Energie-Experten der US-Bank Goldman Sachs prognostizieren inzwischen mittelfristig einen Preis von bis zu 105 $.
Auf neudeutsch: Energiewirt
Von dem unverhofften Bedeutungszuwachs profitieren jetzt Biogasbauern wie Reinbold. Dabei kam der Landwirt aus dem Schwarzwalddorf Freiamt eher notgedrungen auf die neue Einnahmequelle: Vor drei Jahren hatte Reinbold noch mehr als 100 Bullen auf seinem Hof gemästet. Aber dann kam BSE, und die Fleischpreise halbierten sich. Jetzt macht der Energiewirt, wie sein Berufsstand auf neudeutsch heißt, nur noch Geld aus Gülle. 12 bis 15 Tonnen Rohstoffe müssen er und seine Frau Inge jeden Tag in die beiden unterirdischen 10.000-Kubikmeter-Tanks schaufeln. Drinnen zersetzen nimmer satte Bakterien das organische Material unter Blähungen zu Methangas - ähnlich wie in einem Rindermagen.