Der Stromnetzbetreiber Tennet dringt auf ein baldiges Ende des Streits um den Anschluss von Offshore-Windparks. "Wir diskutieren die Themen jetzt seit einem Jahr. Es wird allerhöchste Zeit, dass wir eine Lösung finden. Ich bin sicher, in wenigen Wochen haben wir sie", sagte Tennets Deutschland-Chef Lex Hartman der Financial Times Deutschland. Es werde gar nicht anders gehen. Tennet sei bereit, dazu beizutragen.
Unter den vier Betreibern von Hochspannungsnetzen in Deutschland sind lediglich zwei für Offshore-Anschlüsse zuständig. Der Löwenanteil entfällt auf Tennet. Das niederländische Staatsunternehmen hat den Zorn großer Teile der deutschen Energiewirtschaft und Politik auf sich gezogen, weil es mit dem Anschluss von Windparks auf hoher See nicht nachkommt. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) machte die Verzögerungen von bis zu vier Jahren vorige Woche bei einem Besuch in Den Haag zum Thema. Die Bundesnetzagentur prüft das Zertifikat von Tennet als Netzbetreiber. Der niederländische Konzern ist dringend an einer Beruhigung der Diskussion um seine Tochter in Deutschland interessiert.
Das Unternehmen wird seit fast einem Jahr mit Vorwürfen konfrontiert, es sei unwillig, die erforderlichen 15 bis 20 Mrd. Euro in die Hand zu nehmen, und wolle die deutsche Offshore-Politik torpedieren. Hartmann wies das nachdrücklich zurück: "Tennet hat in zwei Jahren 6 Mrd. Euro in die Energiewende investiert." Kein anderes Unternehmen erreiche diese Größenordnung - weder andere Netzbetreiber noch große Energiekonzerne wie RWE oder Eon .
Zu dem Streit legte Hartman einen Lösungsvorschlag vor: Künftig sollten die Stromanschlüsse in einer Art Konvoiverfahren mit baugleichen Plattformen und in einem definierten Tempo erfolgen. "Es wäre sinnvoll, jedes Jahr eine Plattform mit einer Leistung von 900 Megawatt zu bauen und anzuschließen", sagte er. "Mit standardisierten Plattformen könnten wir die Kosten deutlich senken."
Die tatsächlichen Gründe für die Verzögerungen lägen in Konstruktionsfehlern des Energiewirtschaftsgesetzes, das den Netzanschluss regelt. Danach hat jeder, der einen Windpark entwickelt, Anspruch auf Netzanschluss - und damit auf den Bau einer mehrere Hundert Millionen Euro teuren Plattform durch Tennet. "Tennet baut derzeit Plattformen mit 5,5 Gigawatt Kapazität. Niemand fragt, ob da auch Windräder stehen", so Hartmann. Dabei sei das Missverhältnis evident. "Derzeit sind 25 Gigawatt Offshore-Kapazität in der Planungspipeline. Diese Menge kann realistisch überhaupt nicht in absehbarer Zeit gebaut werden", sagte er. Er rechne mit sieben bis acht Gigawatt bis 2022.
Verzögernd wirke auch, dass es bei Herstellern von Komponenten wie Kabeln oder Trafos teils gravierende Engpässe gebe. Das unkoordinierte Vorgehen müsse durch eine abgestimmte Planung über die gesamte Produktionskette vom Windpark bis zum Stromverbraucher ersetzt werden, forderte Hartman: "Wir brauchen dringend einen Plan, der den Bau von Offshore-Windparks, den Netzanschluss und den Weitertransport des Stroms an Land koordiniert." Andernfalls drohten "Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe". Mit einem solchen Plan ließen sich dann auch Risiken eingrenzen und Investitionsvolumina absehen. Dann werde es auch kein Problem mehr sein, Investoren für die notwendige zweistellige Milliardensumme zu finden. "Eine Rendite von neun Prozent ist ausreichend", sagte Hartman. Diese Höhe garantiert die Bundesnetzagentur für Investitionen in die Stromleitungen. Tennet hat bereits eine Gemeinschaftsfirma mit dem Mitsubishi -Konzern für die Offshore-Anlagen Borwin 1 und Borwin 2 gegründet. Der japanische Konzern steigt für 240 Mio. Euro mit 49 Prozent in eine Gemeinschaftsfirma ein.
Auch andere Investoren, etwa Versicherungen oder Infrastrukturfonds, stünden Schlange für Netzinvestments. "Es gibt genug potenzielle Investoren, wenn das Risiko stimmt. Wir sprechen mit vielen von ihnen", sagte Hartman. Die von Rösler vorige Woche als "Durchbruch" gefeierte Zustimmung des niederländischen Staates, Tennet dürfe Co-Investoren ins Boot holen, bringe insofern wenig Neues. Hartmann sprach sich erneut dafür aus, die Investitionen auf mehrere Schultern zu verteilen. "Für den Offshore-Anschluss sollte eine neue Netzgesellschaft gegründet werden", sagte er. Andere Netzbetreiber haben den Plan aber bereits abgelehnt.