Da oben am Hang, das ist das erste Windrad Nordrhein-Westfalens. Und da rechts vom Feldweg: die weltweit erste Enercon-Anlage, die heute etwas altmodisch wirkt. Johannes Lackmann fährt mit seinem alten Passat über die Hochebene östlich von Paderborn. Und was er dabei auf wenigen Kilometern vorführt, ist nichts weniger als eine kleine Geschichte des deutschen Ökostroms. Hinten am Horizont, Richtung Lichtenau, steht Lackmanns größter Stolz: Europas größter Binnenlandwindpark, komplett in Bürgerhand und von ihm selbst konzipiert.
Johannes Lackmann könnte sich jetzt zurücklehnen und den Wald aus Windrädern, der in seiner Heimat gewachsen ist, als ungetrübte Erfolgsgeschichte feiern. Aber der 60-Jährige erzählt auch von den Nebenwirkungen dieser Geschichte: den "Drückerkolonnen", wie Lackmann sie nennt, die auf ihrer Suche nach guten Windstandorten die Bauern mit Wahnsinnspachten verrückt machen; den Streitereien zwischen den Bürgern, die der Wind reich gemacht hat, und denen im Windschatten; und den hohen Kosten, die die Ökostromförderung den Stromkunden inzwischen aufbürdet. "Wenn die Branche die Kosten nicht in den Griff bekommt, gefährdet sie das Projekt Energiewende", sagt Lackmann. Denn die Kosten sind das mächtigste Argument der Ökostromgegner.
Im Kampf um den Ökostromausbau ist Lackmann ein Mann zwischen den Fronten. Er war Deutschlands oberster Ökostromlobbyist, als die Branche noch in der Nische steckte. Eine ehemalige Scheune am Ortsrand von Paderborn, die Lackmann zum Büro umgebaut hatte, war damals die Zentrale des Branchenverbands. Von hier aus arbeitete er daran, die Öko-Energien wachsen zu lassen. Heute sitzt Lackmann wieder in seinem Büro. Aber jetzt versucht er, der Branche ihre Pfründe abzunehmen - und so die Energiewende zu retten. Vor ein paar Monaten schickte er eine Austrittserklärung an den Vorstand der Windlobby und schrieb sich den Frust von der Seele: Die Branche lasse sich mit Geld "zuschütten", der Verband sei "bis ins Mark verdorben". "Ich kann Euch leider nicht mehr ernst nehmen, und ich will mit dieser Politik nichts mehr zu tun haben."
Die Branche, die einst sein Baby war, ist erwachsen geworden. Aber Lackmann hat sich den Idealismus der Anfangsjahre bewahrt. Er lächelt, wenn er von den späten 90ern erzählt, als er mit Hermann Scheer und den anderen Verbündeten im Bundestag das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) durchdrückte. Damals sagte Scheer: "Ihr müsst eine starke Wirtschaftslobby werden - aber ihr dürft nie so werden wie die Pharmalobby." Heute, sagt Lackmann, sei dieser Punkt erreicht. "Die Branche hat zu viel Lobbyismus entwickelt."
So ist das eben, wenn man aus der Nische herauswächst. Lackmann und die anderen Pioniere wollten ja immer Teil der normalen Wirtschaft werden. Und so kamen die Großunternehmen, die Finanzinvestoren, die Schlipsträger, die Branche eröffnete schicke Repräsentanzen in Berlin. Irgendwann wurden die Einzelinteressen größer als das gemeinsame Ideal einer erfolgreichen, effizienten Energiewende. In der Wirtschaft ist das normal, in der Politik aber ein Problem: Denn es fehlten auch ökologisch gesinnte Politiker, die die mächtig und träge gewordene Branche unter Innovationsdruck setzten.
Ende 2007 trat Lackmann als Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energie zurück. Er wollte die Forderungen der Solarwirtschaft nicht mehr länger vertreten. Die Lobby setzte damals ohne großen Widerstand die Interessen der deutschen Hersteller durch. Heute sind die Kosten, die damals durch die zu hohe Förderung anfielen, eine große Belastung für die Stromkunden. Auch jetzt noch entdeckt Lackmann immer wieder neue Besitzstände, "unsinnige Boni" und andere Lobbyerfolge, die nicht der Energiewende dienen, sondern nur einer satten Rendite auf Kosten der Allgemeinheit.
Die üppige Vergütung von Windstrom zum Beispiel: In seinen Windparks um Paderborn erzielt Lackmanns Firma Westfalenwind 15 Prozent, wenn es gut läuft. Im Norden an der Küste sind es noch viel mehr. 10,5 Cent pro Kilowattstunde bekommt ein Windpark derzeit inklusive aller Boni, durch die Lobbyerfolge sind es immer mehr geworden. Dabei würden im Norden auch 6 Cent reichen, wie Lackmann ausgerechnet hat. In Süddeutschland, wo der Ökostrom am dringendsten gebraucht wird, würden sich neue Windparks dagegen oft erst mit 12 Cent rechnen. Vernünftig wäre es daher, das Geld vom Norden in den Süden umzuverteilen. Aber wie soll das gehen, wenn die Lobby von norddeutschen Windmüllern beherrscht wird?
Vielleicht mit einem guten Beispiel. "Die Stromkunden haben jetzt so viel Geld für die Technologieentwicklung bezahlt", sagt Lackmann, "jetzt ist es Zeit, ihnen etwas zurückzugeben." Und so hat er mit seinem Windpark Lichtenau ein neues Angebot entwickelt: Ökostrom ganz ohne EEG-Förderung. Die Paderborner zahlen dafür weniger als beim Konkurrenten RWE - und bekommen den Preis für zehn Jahre garantiert. So beweist Lackmann, dass Windstrom bereits heute marktreif sein kann. Wenn nur die Förderung "nicht so aberwitzig hoch wäre", glaubt er, würden es ihm viele Unternehmer nachmachen.