Plakate, Zeltdörfer, Treckerkonvois - die einschlägigen Protesttechniken gegen Atom- und für Ökoenergie haben entscheidende Nachteile: Sie sind zeitaufwendig und bringen meist wenig außer spektakulären Fernsehbildern. Besser wirkt Geld, glaubt Burghard Flieger, Vorstand der Genossenschaft Energie in Bürgerhand.
Die Genossen sammeln Beiträge auf einem Treuhandkonto zum Kauf von Anteilen der Stadtwerke-Holding Thüga, von der Eon sich trennen will. 500 Euro pro Person ist der Mindestsatz. 14 Mio. Euro seien schon zusammengekommen. "Wir wollen Einfluss nehmen für eine nachhaltige Energieversorgung ohne Kernkraft, für mehr Energieeffizienz", sagt Flieger.
14 Mio. Euro werden kaum ausreichen. Die Eon -Tochter wird wohl für mindestens 3,5 Mrd. Euro über den Tisch gehen. Sie hält Beteiligungen an 110 Stadtwerken, die im vergangenen Jahr 16,4 Mrd. Euro Umsatz erzielten und mehr als 6,5 Millionen Kunden mit Strom und Gas versorgten. Mit 14 Mio. Euro können die Badener gerade einmal 0,4 Prozent der Anteile erwerben.
Das schreckt die Genossen nicht. Man müsse schon die Computer nachrüsten, um den Ansturm der Interessenten zu bewältigen, brüstet sich Flieger. Ob die zehn Prozent Thüga-Anteil, die die Gruppe anpeilt, realistisch sind, bezweifelt er selber. "Das ist ein politisches Ziel", sagt er.
Auch wenn es nur die Hälfte wird, hofft Energie in Bürgerhand auf Einfluss als Juniorpartner künftiger Großaktionäre. Dies werden wohl im Wesentlichen deutsche Kommunen sein. Einziger ernsthafter Bewerber um Thüga ist ein Bündnis aus den Stadtwerke-Gruppen Kom 9 und Integra, die die Interessen von mehr als fünf Dutzend kommunaler Versorger bündeln. Nicht nur die Energierebellen aus dem Schwarzwald, auch viele Städte und Gemeinden sehen in Thüga die große Chance, den deutschen Energiemarkt umzukrempeln.
Gelingt der Deal, so bedeutete dies den Durchbruch für die Rekommunalisierung der Energieversorgung. Das zeigt schon die Größe des Unternehmens. Wäre Thüga selbstständig, so rangierte sie auf Platz fünf der größten deutschen Energieversorger. Thügas Geschäftsmodell passt exakt zum Trend zurück zur Region. Sie agiert als Dienstleister für Stadtwerke, schlägt etwa beim Energieeinkauf Preisvorteile heraus oder erledigt deren Datenverarbeitung.
Um einen Fuß in die Thüga-Tür zu bekommen, taktiert die Strom-Genossenschaft mit allen Finessen. Sie lockt mit Eigenkapital und testet die Stimmung in Vorgesprächen. Große Chancen gibt ihr dennoch kaum ein Branchenkenner.
Das war auch in den 90er- Jahren so, als eine Bürgerinitiative um den Arzt Michael Sladek aus dem badischen Flecken Schönau das dortige Stromnetz kaufen wollte. Die Idee galt bestenfalls als verschroben, bis die Übernahme 1997 klappte. Bis heute betreiben die Stromrebellen ihr Netz und verkaufen Energie inzwischen bundesweit. Sladek ist heute Aufsichtsratsvorsitzender von Energie in Bürgerhand.