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Merken   Drucken   13.02.2011, 14:02 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswesen: Krankes Renditedenken

Kommentar Das Gesundheitswesen in Deutschland leidet: Ärzte sind nicht mehr in erster Linie um das Wohl ihrer Patienten besorgt. Als Dienstleister müssen sie vor allem Gewinne erwirtschaften Ein Essay von Paul Unschuld
Paul Unschuld leitet das Horst-Görtz-Stiftungsinstitut am Universitätsklinikum Charité in Berlin. Der Essay stammt aus der gerade auf den Markt gekommenen zweiten Auflage seines Buches "Ware Gesundheit. Das Ende der klassischen Medizin" (Verlag C. H. Beck).
Das einstige Vorzeigeunternehmen Bahn ist mittlerweile zum Symbol von Unzuverlässigkeit geworden. Die Ursache dafür - da sind sich alle einig - ist der Drang an die Börse: Die Renditeversprechen, mit denen Investoren angelockt werden sollten, waren nur dadurch auf attraktive Höhen zu bringen, dass Personal entlassen, Ausbesserungswerke geschlossen und die Prüfintervalle gestreckt wurden - zum Schaden des Produkts und auf Kosten des Vertrauens der Kunden. Ein Kollaps wie bei der Bahn steht auch einem anderen deutschen Vorzeigeprojekt bevor: dem Gesundheitswesen.
Keine vergleichbar komplexe Volkswirtschaft hat ein so verlässliches Solidarsystem geschaffen, in dem jeder - ohne Ansehen von Einkommen oder Schichtzugehörigkeit - davon ausgehen konnte, dass er im Notfall die erforderliche medizinische Behandlung erhält.
Mediziner sollen nicht nur heilen, sondern auch den Umsatz steigern ...   Mediziner sollen nicht nur heilen, sondern auch den Umsatz steigern - leere Betten sind dabei im Weg
Dieses Gesundheitssystem nahm seinen Anfang im späten 18. Jahrhundert. Damals sahen die Herrschenden und Besitzenden deutlich, dass sie für die Auseinandersetzung zwischen den Nationalstaaten nationale Volksheere und Arbeitermassen benötigten, die möglichst vielzählig, kräftig und gesund sein mussten, um ihren Aufgaben nachgehen zu können. Kühle Berechnungen, nicht humanitäre Erleuchtungen, führten also zu dem Aufbau eines Gesundheitssystems.
Dabei wurde aber eine historische Besonderheit eingeführt: Die Ärzte als medizinische Experten erhielten das Mandat, sich um die Gesundheit der Gesamtbevölkerung zu kümmern. Die Möglichkeiten des einzelnen Bürgers, Gefahren für die eigene Gesundheit von sich fernzuhalten, sind begrenzt. So lernte die Medizin, Ausschau zu halten nach solchen Bedingungen im Umfeld der Menschen, die zwar gesundheitsgefährdend sind, aber nur von der Politik, nicht vom Einzelnen beeinflusst werden können.
Den Ärzten wuchs das Privileg zu, unangenehme Fragen und Forderungen an die Herrschenden zu stellen, wo immer es galt, Wohn-, Arbeits- und Umweltbedingungen im Interesse der Gesundheit zu verändern. Dazu kam die kompromisslose Anbindung der Medizin an die Naturwissenschaften. Medikamente, Operationen, Hygienekenntnisse - all das nahm im 19. und 20. Jahrhundert einen so rasanten Aufschwung, dass die Repräsentanten der Medizin sich in nie zuvor gekannter gesellschaftlicher Hochachtung sonnen durften, herausragende Besoldung inklusive. Die Ärzte repräsentierten nicht nur die Medizin, sie standen im Zentrum des Gesundheitswesens.
Wie bei der Bahn hat das Renditedenken auch im Gesundheitswesen Einzug gehalten, mit erkennbaren Folgen. Warum muss neuerdings eine gynäkologisch-onkologische Operation, die bislang in einem Vorgang durchgeführt wurde, in zwei getrennte Operationen aufgeteilt werden, mit zweifachem Risiko bei der Anästhesie? Warum muss ein Chefarzt im Krankenhaus heute in seinem Vertrag eine Klausel unterschreiben, jährlich zu einer vierprozentigen Umsatzsteigerung beizutragen? Und warum müssen Ärzte und Apotheker aus den Entscheidungszentren des Gesundheitswesens verdrängt werden, obschon sie die einzigen Experten sind?

Teil 2: Medizin im Renditestrudel

  • FTD.de, 13.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 04.03.2011 07:34:11 Uhr   Aussteiger: Endlich spricht mal jemand aus ...

    ... was jedem Arzt, der seinen gesunden Menschenverstand nicht beim Eintritt ins Medizinstudium an der Pforte abgegeben hat, selbst klar sein müsste. Schon die Ausbildung bereitet auf das herrschende System vor: so hat man zu denken, so zu handeln, wenn man "dazugehören will". Schon hier mischen sich auch wirtschaftliche Einflüsse mit medizinischer Lehrmeinung.
    Beim Eintritt ins Berufsleben steht man dann vor der Entscheidung, in einem maroden und korrupten System mitzuwirken, das nach Aussage eines hochrangigen Kriminalbeamten "nur noch mit organisierter Kriminalität zu vergleichen ist", oder viele Jahre des Studiums abzuschreiben und sich neu zu orientieren.
    Spätestens zu dem Zeitpunkt einer Niederlasssung steht jedem Mediziner dann die Entscheidung offen, im Strom mitzuschwimmen und damit das System zu unterstützen (und sei es nur durch stillschweigende Duldung), sich den Zwängen und Repressalien von Banken, Krankenkassen und KVen auszusetzen oder alternative Wege zu gehen.
    Kürzlich gab es wieder einen Versuch der Hausärzte in Bayern, dem zu entkommen. So wie es aussieht, scheitert er an der Angst vieler Einzelner. Sehr schade.

    Gesundheit ist das höchste Gut, das man als Mensch haben kann. Das darf kein Wirtschaftsgut sein. Damit darf nicht geschachert und spekuliert werden. Eine Gesellschaft, die das zulässt, ist selbst sehr krank. Und die Verantwortung tragen diejenigen, die profitieren, die regulieren und reglementieren.
    Interessanterweise sind das diejenigen, die die Mittel haben, sich in dem von ihnen geschaffenen System für den eigenen Bedarf "das Beste vom Besten" herauszupicken - was man von denen, die den Löwenanteil der 335 Milliarden Euro, die pro Jahr in Deutschland für das Gesundheitswesen ausgegeben werden, mit ihren Krankenkassenbeiträgen bezahlen, nicht behaupen kann.

  • 16.02.2011 14:48:25 Uhr   wolfz: Gesundheitswesen
  • 15.02.2011 17:50:13 Uhr   Duke: Polemik und Klischees
  • 15.02.2011 16:42:03 Uhr   Magister Artium: Was ist mit Vertrauensverhältnis?
  • 14.02.2011 15:50:00 Uhr   Indigo: Kunde
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