Donnerstag, 10.00 Uhr, Universitätsklinikum Regensburg: Die Arbeitsgruppe "Thromboseprophylaxe" trifft sich zum monatlichen Sit-in. Internisten, Ärzte der Intensivstation, Pflegepersonal, Transplanteure und Apotheker diskutieren über einheitliche Standards zur Vorbeugung von Blutgerinnseln. Bisher macht das jede Fachabteilung auf ihre Weise - und setzt sechs unterschiedliche Medikamente ein. "Wir könnten beim Einkauf viel Geld sparen, wenn wir uns auf weniger Präparate einigen könnten", erläutert Karl Huber die Zielsetzung der morgendlichen Gesprächsrunde.
Huber ist Beauftragter für Qualitätsmanagement in Regensburg und koordiniert die Treffen. Sein Zeitplan ist straff. Um 11 Uhr ist mit der Abteilung Mikrobiologie die nächste Runde an der Reihe. Das geht so im Stundentakt weiter bis 18 Uhr. Seit April 2004 haben die Regensburger rund 150 Behandlungspfade entwickelt, die den idealen Weg des Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung vorzeichnen und dem Arzt konkrete Handlungsanleitungen geben. Zehn dieser Pfade werden in der Praxis bereits getestet.
Was im Oberpfälzischen für Aufbruchsstimmung sorgt, ist im übrigen Deutschland noch weitgehend unbekanntes Terrain. Zwar befinden sich die Universitätskliniken seit Einführung der Fallpauschalen (DRGs) im Umbruch. Um Kosten zu senken, haben sie Wäschereien ausgelagert, den Einkauf von Verbandsmaterial gebündelt und ihre Energieausgaben gedrückt. Doch an den eigentlichen Kern der klinischen Leistung, die Diagnose und Therapie, hat sich kaum ein Krankenhaus herangewagt. Bis jetzt sind nach Angaben des Verbandes der Universitätsklinika (VUD) weniger als fünf Prozent der Behandlungen standardisiert.
Das liegt vor allem an der Ärzteschaft, die um ihren Einfluss fürchtet. "Die mentalen Barrieren sind hoch", sagt Norbert Röder, Leiter der Stabsstelle Medizincontrolling am Universitätsklinikum Münster.
Heftiger Widerstand
Den Widerstand hat Norbert Krüger, Medizinvorstand am Universitätsklinikum Leipzig, deutlich zu spüren bekommen, als er vor drei Jahren ein "Tumor-Board" ins Leben rief. Die Grundidee: 30 Ärzte diskutieren über Standards in der Krebstherapie. Ein Chirurg stellte Krüger im Vorfeld besorgt zur Rede: "Wer erntet dann zukünftig den Ruhm für eine Operation?" Die interdisziplinäre, teamorientierte Betreuung von Patienten sei bei den Medizinern noch nicht angekommen, sagt Krüger. Der Abschied vom Dasein als Halbgott fällt schwer: "Wenn Sie ein Mann, Mediziner und deutscher Hochschulprofessor sind, dann haben sie ein Selbstwertgefühl der Unantastbarkeit."
Doch es gibt auch sachliche Einwände: Die standardisierten Pfade eigneten sich nur für einfachere Prozesse, beispielsweise für Darmspiegelungen, meint Rüdiger Strehl, VUD-Vorstandsvorsitzender. "Der medizinische Entscheidungsalgorithmus ist in vielen Fällen kompliziert und unstrukturiert." Er glaubt deshalb nicht, dass sich Behandlungen flächendeckend standardisieren lassen. "Der Nutzen der Methode wurde überschätzt, der Aufwand unterschätzt", bilanziert Strehl.
Erschwerend kommt nach Ansicht der Skeptiker hinzu, dass der wissenschaftliche Fortschritt rasant voranschreitet. Die Halbwertszeit von medizinischem Wissen liege inzwischen bei 2,7 Jahren, sagt der Leipziger Medizinvorstand Krüger. Da bestehe stets die Gefahr, den aktuellen Entwicklungen hinterherzuhinken.
Großes Einsparpotential
Medizincontroller Röder sieht trotzdem großes Einsparpotenzial. Das Personal mache 70 Prozent der Gesamtkosten aus. "Die kann ich nur über eine Verbesserung der medizinischen Prozesse senken", ist Röder überzeugt. Die spezialisierte Unternehmensberatung Lohfert & Lohfert, die seit mehr als 30 Jahren die medizinischen Abläufe in Krankenhäusern begleitet, hält viele Untersuchungsschritte für überflüssig. "20 bis 30 Prozent der Laborparameter, die heute für Patienten durchgeführt werden, sind aus medizinischer Sicht nicht erforderlich. Viel Geld wird so nicht sinnvoll eingesetzt", kritisiert Christoph Lohfert, Vorstand der Beratung. Beispiel: Zur Überprüfung der Nierenfunktion wird routinemäßig auch der Harnstoff analysiert. Dabei reiche der Kreatininwert in den meisten Fällen aus, sagt Lohfert.
Nach Schätzungen der Berater lassen sich 50 bis 60 Prozent aller wesentlichen medizinischen Entscheidungen standardisieren, die Betriebskosten könnten so um 15 Prozent gesenkt werden. Vorreiter ist Australien, das DRGs und Behandlungspfade bereits vor Jahren eingeführt hat. Dortige Krankenhäuser konnten die Liegezeiten ihrer Patienten dramatisch verkürzen: Statt nach sechs Tagen im Jahr 1990 verlässt der Australier heute bereits nach drei Tagen das Krankenhaus. In Deutschland sind es noch knapp neun Tage. Die Uniklinik Regensburg tut alles, um den Bundesdurchschnitt zu drücken. In rund zwei Wochen steht der nächste Diskussionsmarathon an.