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Merken   Drucken   17.11.2005, 09:00 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswirtschaft: "Da ist ein irres Potenzial"  

Wer zum Arzt muss, braucht in der Regel gutes Sitzfleisch. Volle Wartezimmer und Ärger über nicht eingehaltene Termine gehören in vielen Praxen zum Alltag. Durch schlecht organisierte Arbeitsabläufe verlieren Ärzte unter Umständen nicht nur Patienten, sondern auch viel Geld. von Benjamin Bidder
Da immer mehr niedergelassene Mediziner unter wirtschaftlichem Druck stehen, bieten vermehrt spezielle Praxisberater ihre Hilfe an. Deren Einsatz lohnt sich jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen.
Dass Medizinern betriebswirtschaftliche Kenntnisse nicht schaden, darüber sind sich die Experten einig. "In einem Drittel aller Praxen reichen die Erträge nicht aus, um Rücklagen zu bilden. Das zeigt, wie notwendig prinzipiell eine betriebswirtschaftliche Beratung ist", sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Ein "irres Optimierungspotenzial" sieht Klaus-Dieter Thill, Leiter des Instituts für Betriebswirtschaftliche Analysen, Beratung und Strategie-Entwicklung . Sein Institut hat mehr als 1900 Mediziner zu den Abläufen in ihren Praxen befragt. Das Ergebnis: Nur wenige Praxen nutzten ihre Leistungsfähigkeit wirklich aus. "Im Schnitt liegen rund 40 Prozent des Potenzials ungenutzt", sagt Thill. Die Gewinne der Ärzte könnten mit verbesserter Organisation, Planung, Mitarbeiterführung und Marketing massiv gesteigert werden.
Schwachstelle Zeitmanagement
Gerade beim Zeitmanagement sehen viele Berater die größten Schwachstellen. Zu wenig Ärzte setzten Prioritäten während der Sprechstunde, meint Markus Küchler von Klock, Küchler und Partner in Bamberg. Aktionistisch arbeiten sie die drängendsten Aufgaben ab, ohne den Überblick über die Gesamtsituation zu bewahren. "Telefonate werden während der Behandlung zum Arzt durchgestellt, Notfälle zwischen Termine geschoben", so Küchler.
Mit einer spezifischen Terminvergabe und anderen Umstellungen ließen sich große Summen einsparen, berichtet auch Berater Lars Frielingsdorf von Frielingsdorf Consult in Köln. "Oft werden einfach pro Patient Termine im Zehn-Minuten-Takt vergeben. Aber die eine Erkrankung macht 25 Minuten Behandlung nötig, eine andere nur vier Minuten." Er erarbeitete für eine Orthopäden-Praxis einen Maßnahmenkatalog. Nach dessen Umsetzung sei der Jahresumsatz von 473.000 Euro auf 485.000 Euro gestiegen, die Kosten jedoch von 222.000 Euro auf 202.000 Euro gesunken.
Nicht jeder Praxisberater ist aber sein Geld wert. Der Markt sei sehr intransparent, berichten Experten. Eine Vielzahl kleiner Firmen und Einzelpersonen buhle um die Gunst der Ärzte. Mitunter brächten die Berater zwar das betriebswirtschaftliche Know-how mit, dafür fehle es ihnen aber an Wissen über das Gesundheitssystem. Über schwarze Schafe in ihrer Region klagt die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen. "Wir beobachten, dass einige Berater unseriös arbeiten", sagt Sprecher Detlef Haffke. "Die sind nur auf den schnellen Euro aus."
  • Aus der FTD vom 17.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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