Es hätte so schön sein können. Am 22. Mai wollte die Lufthansa eigentlich ihre Abschiedsvorstellung vom Flughafen Tegel geben. Dazu sollte der neue Riesen-Airbus A380 der Fluglinie auf dem alten Airport landen, vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf den Namen "Berlin" getauft werden und dann kurz darauf wieder in eine neue Zukunft entschweben, eine Zukunft mit dem neuen, großen und modernen Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg (BER).
Nicht nur diese öffentlichkeitswirksame Veranstaltung muss jetzt gekippt werden. Die Eröffnung des Flughafens wird völlig überraschend um mindestens zwei Monate verschoben. Als Grund nannte die Betreibergesellschaft am Dienstag Probleme beim Brandschutz. Die Arbeiten am Airport hätten sich zuletzt zu einem regelrechten Wettlauf gegen die Zeit entwickelt, hieß es in der offiziellen Stellungnahme. Der Flughafen gehe "nach den Sommerferien" an den Start. Ein neuer konkreter Termin wurde damit also noch nicht genannt.
Eigentlich hätte der BER, der Tegel und Schönefeld ersetzen soll, am 3. Juni seinen Betrieb aufnehmen sollen. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen für den Umzug.
Die Kosten des Ausfalls lassen sich nach Flughafenangaben erst in den kommenden Tagen beziffern. Für die Offenhaltung der Flughäfen Tegel und Schönefeld fielen pro Monat rund 15 Mio. Euro an Kosten an. Die Flughafenbetreiber rechnen mit Schadenersatzforderungen der Fluggesellschaften und wollen selbst gegebenenfalls die Ingenieurbüros in Regress nehmen. Zu Flugausfällen soll es nicht kommen, Reisende werden weiter in Tegel und auf dem alten Flughafen Schönefeld abgefertigt. Auch die internationale Flugschau ILA soll im September wie geplant auf dem neuen Flughafen stattfinden.
Die Verzögerung ist nicht nur peinlich für die Planer, sondern auch ärgerlich für Reisende und zudem womöglich teuer für die Fluglinien. Vor allem die Lufthansa und Air Berlin wollen mit Hilfe des neuen Airports ihre Kapazitäten deutlich ausweiten.
Besonders stark betroffen von der Verschiebung ist die Lufthansa. Die Airline will ihre Direktverbindungen dort von derzeit acht auf 40 Ziele ausbauen. Mit zehn statt zuvor vier Fliegern wollte Deutschlands größte Fluggesellschaft in Berlin vertreten sein. Dies wird jetzt aufgeschoben - bis zur Inbetriebnahme im Spätsommer oder Herbst. "Lufthansa steht vor großen Problemen und hofft, sowohl in Tegel als auch am alten Flughafen in Schönefeld neue Slots zu erhalten", hieß es von der Airline. Es sollen keine Flüge wegen der Entscheidung ausfallen.
"Lufthansa ist Leidtragender", sagte deren Christoph Franz auf der Hauptversammlung in Köln. Er hoffe, dass Berlin Brandenburg so schnell wie möglich in Betrieb gehe. Franz zeigte sich überrascht. "Ich habe eben hier auf der Hauptversammlung erfahren, dass die geplante Eröffnung um mehrere Wochen verschoben wird." Die Lufthansa werde den "vielen tausend neuen Kunden, die bereits Flüge vom 3. Juni an gebucht haben, entsprechend andere Angebote machen".
Auch bei Air Berlin ahnte niemand etwas von der Verzögerung. Erst einen Tag zuvor habe das Unternehmen den Hangar am neuen Flughafen übernommen, auch Flughafenchef Rainer Schwarz sei dabei gewesen. "Da hatte der nichts gesagt von den sich abzeichnenden gravierenden Problemen", schimpfte ein Beteiligter.
Deutschlands zweitgrößte Fluglinie müsse nun komplett umplanen. Ob das Drehkreuz, das am 3. Juni in Betrieb gehen sollte, nun in so kurzer Zeit von Tegel aus funktionieren könne, "sei sehr sportlich", sagte ein Sprecher des Unternehmens. "Wir stehen vor gewaltigen logistischen Herausforderungen, die zusätzliche Kosten verursachen werden", sagte Airline-Chef Hartmut Mehdorn. Man werde nun prüfen, wie hoch die zusätzlichen Kosten seien. "Und die werden wir dann auch geltend machen müssen", sagte der Sprecher.
Lufthansas Tochter Germanwings ist nach eigenen Angaben zuversichtlich, dass es reibungslos weitergeht. Bis zur Eröffnung des neuen Flughafens werde man weiterhin den alten Airport Berlin-Schönefeld nutzen.
In Tegel und Schönefeld wird es also ab Anfang Juni mehr Flugverkehr geben. Und es könnte dort eng werden. Denn auch die anderen Airlines müssen ihre eigentlich für den BER geplanten zusätzlichen Verbindungen auf die beiden alten Airports verteilen. Ob sie immer alle gewünschten Flugzeiten bekommen, dürfte fraglich sein.
Der Start des neuen Hauptstadtflughafens war auch deshalb auf den 3. Juni gelegt worden, um rechtzeitig zur Urlaubssaison einen reibungslosen Betrieb des Großflughafens sicherzustellen. Das ist jetzt passé.
Die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg reagierten mit Erstaunen auf die angekündigte Verschiebung. Wir sind überrascht worden", sagte der brandenburgische Innenminister Dietmar Woidke (SPD) am Dienstag in Potsdam. Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) verließ am Vormittag wortlos die gemeinsame Kabinettssitzung der Regierungen beider Länder und machte sich auf den Weg Richtung Flughafen, wo es am Mittag eine offizielle Stellungnahme gab.
Vielleicht aber hätte man Schwierigkeiten ahnen können? Denn schon vor zwei Wochen hatte es Zeitungsberichte über Mängel bei der Belüftungsanlage für den Brandfall beim Flughafen Berlin Brandenburg gegeben. Damals hatte die Flughafengesellschaft noch bestritten, dass dies Einfluss auf den Eröffnungstermin haben könnte.
Noch vor zwei Wochen, am 24. April, hatte Technik-Geschäftsführer Manfred Körtgen gesagt, die Genehmigungen auch für den Brandschutz seien auf dem Weg. Die neue Verschiebung ist schon die zweite. Ursprünglich sollte der Airport im November 2011 in Betrieb gehen.
Nach Recherchen der FTD ist es aber nicht nur der Brandschutz, der zuletzt Mängel aufwies. Mitarbeiter der Lufthansa, von Air Berlin und Easyjet hatten zuletzt intern darauf hingewiesen, dass es bei Probeläufen viele Schwierigkeiten gegeben habe - etwa beim Check-in, beim Gepäck oder beim Boarding
"Viele Abläufe funktionieren noch nicht", verlautete bei der Lufthansa. "Ein funktionierender stationärer Flugbetrieb hat oberste Priorität." Da sei es besser, wenn die Eröffnung verschoben werde. Pannen wie vor Jahren in London-Heathrow, wo die Gepäckabfertigung 2008 bei der Eröffnung des neuen Terminals chaotisch abgelaufen war, dürften sich in Berlin nicht wiederholen.
Insider berichteten, die Situation auf dem neuen Airport sei derzeit geradezu chaotisch. So hat die Lufthansa-Lounge bislang weder einen Strom- noch einen Wasseranschluss.
Für Flughafenchef Schwarz sind die neuen Entwicklungen besonders peinlich. Er hatte am Wochenende sogar noch einen raschen Ausbau des neuen Airports ins Spiel gebracht - obwohl der Flughafen auch in seiner jetzigen Gestaltung noch gar nicht funktioniert.