"Ich habe meinen Beziehungsstatus auf ,Single‘ geändert." "Laufe gerade durch die Straßen von New York City." Warum sollte man wichtige Facebook-Updates und Twitter-Tweets nur noch via Internet und auf Smartphones veröffentlichen - wenn man sie auch am eigenen Leib zur Schau stellen kann? Das dachten sich Francesca Rosella und Ryan Genz, Modeschöpfer - und Erfinder des neuen TshirtOS. Ein schlichtes graues T-Shirt haben die Designer von dem Londoner Label Cutecircuit mit 1024 kleinen LED-Lampen, Mikrofon, Lautsprecher und einer Schnittstelle für eine App versehen: Der Träger kann so Updates, Fotos oder das aktuelle Lieblingslied live auf seiner Brust präsentieren.
Noch ist TshirtOS "ein sehr früher Prototyp", räumen die Designer ein. Was aber als Modegag schon funktioniert, ist tatsächlich ein Zukunftsmarkt, der Forschung und Industrie gleichermaßen beschäftigt. In der Entwicklung und Produktion von technischen Textilien sind die Deutschen - auch dank der Forschung etwa vom Fraunhofer Institut - führend. Vieles davon ist zwar noch Grundlagenforschung. Experten aber prognostizieren der Branche schon jetzt hohe Wachstumsraten. Mit großen Sportartikelherstellern wie Adidas will etwa die finnische Firma Clothing+ Ende dieses Jahres den deutschen Markt erobern, mit einem in Unterwäsche wie Sport-BH integrierten Herzsensor. In Dänemark verkauft Clothing+, eine Firma mit einem Umsatz von rund 10 Mio. Euro, einen solchen Sport-BH schon seit Mai 2011.
Hightech-Textilien sind nämlich nicht nur für einen modischen Hingucker gut. Ebenfalls bereits erhältlich sind beheizbare oder leuchtende Textilien, etwa Motorradkleidung mit LED-Systemen. Andreas Röpert, Geschäftsführer von Interactive Wear, einer Firma die aus der Infineon-Sparte Wearable Electronics hervorgegangen ist, bemerkt ein zunehmendes Interesse: "Anfangs waren viele skeptisch. Sie wollten nicht illuminiert wie ein Tannenbaum durch die Gegend fahren. Doch der Sicherheitsaspekt überzeugt." Kosten der Entwicklung: bis zu 500.000 Euro. Die Motorradbekleidung hat sich im vergangenen Jahr 3500-mal verkauft.
Forschungsinstitute wie das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) entwickeln deshalb Ideen, wie man mithilfe von Elektronik die Funktionalität von Kleidung erhöhen kann. Der Prototyp eines Fitnessshirts etwa misst über leitfähige Gewebebereiche EKG und Atmung seines Trägers und könnte in Zukunft die Körperfunktionen von Feuerwehrleuten während des Einsatzes kontrollieren - ohne dass diese lästige Apparaturen mit sich tragen müssten. Für Senioren oder Rehapatienten hat das Institut den Fitnessbegleiter entwickelt. Er besteht aus einem Sensoranzug, einem Shirt zur Atemmessung und einem digitalen Assistenten, der dem Nutzer bei Übungen Rückmeldung zu seinen Vitaldaten gibt und ihn anleiten kann.
Marktreif sind diese intelligenten Funktionskleidungen noch nicht. Die Forscher müssen bei ihren Entwicklungen Standards und Normen auch für Elektronik einhalten und Technik produzieren, die ganz neuen Belastungen standhalten muss: klein, leicht und mobil soll sie sein und darf in der Waschmaschine oder bei ruppiger Handhabung nicht kaputt gehen. "Ein Smartphone kann man nicht bei 90 Grad waschen. Wir müssen uns also neue Materialien einfallen lassen", sagt Klaus Dieter Lang, Leiter des Fraunhofer Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration. Auch die Produktionsprozesse müssen verbessert werden, sollen Hightech-Textilien einmal in Massenproduktion gehen: "Bisher ist die Kontaktierung von elektrischen Elementen auf Textilien ein aufwendiger Handmade-Prozess", sagt Sabine Gimpel, verantwortlich für den Bereich Forschungsmanagement bei TITV, einem Institut für Spezialtextilien.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, wie die gemessenen Daten dem Kunden vermittelt werden: "Eine Anwendung, die es schafft, dem Nutzer einfach verständlich zu machen, was die gemessenen Daten bedeuten, wird erfolgreich sein", sagt Mikko Malmivaara, Produktmanager bei Clothing+. Hier könnten Smartphones und Apps ins Spiel kommen: "Wenn man die Technik in der Kleidung damit synchronisiert, lagert man den teuren Anteil der Systementwicklung auf Dinge aus, die die Menschen schon besitzen", so Röpert.
Der Erfolg elektronischer Textilien im Haute-Couture-Bereich - etwa durch Designer wie Cutecircuit aus London - ist für Röpert ein "guter Türöffner" für weitere Branchen. Die "große Erfolgsstory" aber sieht er in Zukunft nicht in der Modewelt, sondern eben in den Spezialbereichen Funktionskleidung, Schutz und Medizin: "Überall, wo großer Stress vorhanden ist und Bewegungsfreiheit nötig ist, können solche funktionellen Textilien einen großen Nutzen bringen. Denn integriert man die Technik in die Kleidung, belastet und stört sie nicht."