Wer pokert, ist überzeugt, gewinnen zu können. Und so waren sich die Belegschaftsvertreter des Versandhändlers Neckermann ziemlich sicher: Das Heraufbeschwören der Insolvenz ist lediglich eine Drohgebärde. Panikmache, damit die knapp 1400 gekündigten Mitarbeiter ihre Ansprüche aufgeben und verschwinden - ohne Abfindung, ohne Sozialplan, ohne Transfergesellschaft. Doch die Arbeitnehmervertreter haben sich gewaltig geirrt.
Die rüde Tour des Managements war mehr als nur ein Erpressungsversuch. Sie war bitterer Ernst. Denn jetzt geht Neckermann tatsächlich in die Insolvenz. Und das, obwohl die Geschäftsführung und die Gewerkschaft Verdi sich in letzter Minute doch noch auf eine Lösung geeinigt hatten. Sun Capital als Eigentümer weigert sich, weiter Geld zuzuschießen. Offensichtlich schrecken den US-Finanzinvestor die deutschen Verhältnisse ab, und er rechnet sich bessere Konditionen im Insolvenzverfahren aus.
Anders ist kaum zu erklären, dass das Überleben des Unternehmens an 25 Mio. Euro scheitern soll. Sun Capital will einen radikalen Schnitt, und die Arbeitsgesetzgebung soll dabei so weit wie möglich aus dem Weg geräumt werden. Man kann deshalb nicht der Belegschaft die Schuld in die Schuhe schieben, sie habe Neckermann in die Zahlungsunfähigkeit geritten. Sich gegen ein Hire-and-Fire im großen Stil zur Wehr zu setzen ist weder verantwortungslos noch unsolidarisch jenen Mitarbeitern gegenüber, die weiterbeschäftigt werden sollten.
Fragt sich, was am Ende vom Versandhändler übrig bleiben wird. Als klassischer Universalversender hat Neckermann keine Chance gegen Konkurrenten wie Amazon, Ebay und Zalando. Aber worin sich unterscheiden, wenn man dann auch noch auf sein Eigentextilsortiment verzichten will? Findet das Management darauf keine Antwort, war der Gang zum Insolvenzrichter nur ein Zwischenschritt - zur Pleite.
Das Kapital ist nicht nur hier und dort am Ende sondern es hat seine historische Talfahrt begonnen und das nicht erst seit gestern. Vom Standpunkt der Betriebswirtschaft, der Nationalökonomie und der globalen Lehre vom Profit machen schon gar nicht. Das Humankapital ist nun mal nicht mehr gefragt in der modernen Welt, hier geht es um die Einfügung von kostenlosen Produktivkräften an die Stelle eben jenes besonderen Stoffes- menschliche Arbeitskraft. Diese ist einzige Quelle des Gewinns und der Kosten der bürgerlichen Ökonomie. Die Vertreter der toten Arbeit, die Kapitalinhaber und innen, habe nur einen Feind das Humankapital. Dieses sollte zum Nulltarif produziert werden und dann zum Nulltarif produzieren. Wer jetzt schön aufpasst hat es gemerkt - das geht weder wirklich noch theoretisch Umzusetzen. Vergessen wird nämlich das Produktionsaggregat der Weltproduktionsmaschine welche heute mehr menschliche Arbeitskraft einspart als diese wieder in den Ausbeutungsprozess bringen zu können. Das Kapital ist an seiner historischen Schranke angelangt. Zuerst hat es den Ostblock weggefegt, dann in der dritten Welt nur Bombenkrater hinterlassen, nun ist die erste beste Welt dran. Zuerst die weniger industrialisierten Staaten dann der Rest. Der Traum ist ausgeträumt vom ewigen Profit mit einem Wohlstand, was immer das auch sein soll, für Alle. Die Produktionsweise revoltiert gegen die Produktionsverhältnisse - auch ohne menschliches Wissen darum ist es wirkmächtig !