Zwei Jahre lang hat Johannes Brenninger das Spiel mitgespielt. 50 Euro zahlte der Bad Homburger Hörgeräteakustiker einem Arzt für jeden Patienten, den der ihm zuschanzte. Auf 7600 Euro summierten sich die Zahlungen schließlich. Dann stieg Brenninger aus: "Weil ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte."
Solche Kickback-Geschäfte sind in der 1,3 Mrd. Euro schweren deutschen Hörgerätebranche keine Seltenheit - vielmehr gehören sie nach FTD-Recherchen zum Alltag: Bis zu 200 Euro kassieren die Ärzte pro Ohr. Manchmal fließt das Geld direkt, manchmal wird die Zahlung verschleiert - etwa als Entschädigung für das Ausfüllen eines Fragebogens, der angeblich die Qualität der Versorgung verbessern soll. Etliche Millionen Euro wandern nach Schätzung von Experten auf diesem Weg jährlich illegal vom Gesundheitshandwerker zum Arzt. "Eine Art Korruptionsmentalität greift um sich", sagt Peter Brammen, Sachverständiger des Bundesgesundheitsministeriums und Geschäftsführungsmitglied der zuständigen Wettbewerbszentrale. "Es ist höchste Zeit, diesen Prozess zu stoppen."
Die Akustikbranche ist kleinteilig. Neben Ketten wie Kind, Fielmann oder Geers gibt es weit mehr als 1000 Einzelbetriebe. Die Preise sind hoch und wenig transparent: In den Schaufenstern der meisten Geschäfte tragen die Hörhilfen keine Preisschilder. "Es ist Sodom und Gomorrha", sagt ein Hersteller aus Norddeutschland. Er erzählt, wie er zu einem Landarzt fuhr, von dem er vermutete, dass ein anderer Akustiker ihn besticht. "Ich will mit dir ins Geschäft kommen", habe er gesagt. Und ihn dann gefragt: "Was zahlt dir der andere?" - "50 Euro. " - "Dann bekommst du von mir 70 Euro. "
Dem Gesundheitsministerium ist die Korruptionsanfälligkeit der Branche bewusst - zumal sich Kickback-Zahlungen auch zwischen Orthopäden und Sanitätshäusern häufen. Ein neuer Gesetzesparagraf soll die Praktiken bald eindämmen. Zum Beispiel werden die Krankenkassen angehalten, Mediziner bei Unregelmäßigkeiten an die Ärztekammer zu melden.
Auf dem Radar der Strafjustiz taucht das Thema bislang kaum auf. Grund: Aussagewillige Zeugen gibt es selten. Und die wenigsten misstrauischen Patienten informieren die Behörden. Eine Ausnahme: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt derzeit gegen einen HNO-Arzt wegen des Verdachts auf Nötigung und Betrug. Eine Patientin hatte den Mediziner angezeigt, weil er ihr - so sagt sie - nur ein Hörgerät verordnen wollte, wenn sie zu bestimmten Akustikern geht.