Man muss eine Weile suchen, bis man ihn findet. Weit hinten, eingerahmt von Wasserflaschen und Frischhaltedosen steht er dann: Groß und gelb, mit 40 kleinen Fächern und einem Display. Der Kasten in dem 24-Stunden-Markt am südlichsten Zipfel von Manhattan ist einer von 20, die in Supermärkten und Drogerien über die ganze Stadt verteilt sind.
Er stammt von Amazon . In den vergangenen Wochen hat der Onlinehändler die Packstationen nach einer Pilotphase in vielen Metropolen des Landes aufgestellt, darunter Seattle, New York und San Francisco. Auch in London stehen inzwischen "Amazon Locker" - und jede Woche kommen neue hinzu. In Deutschland stehe einem Aufbau der Stationen ebenfalls nichts im Wege, wie Vertraute des Unternehmens der FTD sagten. Kunden sollen ihre Pakete nicht verpassen.
Für viele sind die Stationen ein weiterer Hinweis, dass der Internetkonzern auf dem Weg zum Rundumlogistiker ist. Schon jetzt übernimmt Amazon für Hunderttausende kleine Händler die gesamte Auftragsabwicklung, von der Lagerung bis zum Versand. Weltweit betreibt der Onlinehändler 69 riesengroße Warenhäuser, bis Jahresende soll die Zahl um ein Drittel erhöht werden. In Deutschland, einem der wichtigsten Auslandsmärkte, plant Amazon für 2012 zu den fünf bestehenden zwei neue Logistikzentren in Pforzheim und Koblenz. "Amazon ist längst ein Logistikunternehmen", sagt Branchenexperte Steve Banker von der Beratungsfirma ARC.
Der Druck auf die Händler, nicht nur schneller zu werden, sondern den Kunden auch die Möglichkeit zu geben, einen Lieferzeitpunkt zu bestimmen, wächst. "Für Onlinehändler ist die sichere Lieferung - zusammen mit individuellen Versandoptionen - ein wesentlicher Erfolgsfaktor", sagt Horst Manner-Romberg, Chef des Hamburger Beratungsunternehmens MRU. Den könnten sie aber bei den beauftragten Paketdiensten nur begrenzt beeinflussen. "Hier hat sich ein echtes Bedürfnis entwickelt, selbstbestimmter zu werden und sich mit dem eigenen Lieferangebot von Wettbewerbern abzugrenzen."
Amazon helfen die neuen Abholstationen, die bislang von Paketdiensten wie UPS und Fedex beliefert werden, nicht nur dabei, den Service zu verbessern. Das Unternehmen spart auch Extragebühren, die es sonst den Lieferunternehmen zahlt, damit diese die Amazon-Pakete in Wohngebieten ausliefern.
Wie weit es ein Versandhändler beim Ausbau seiner eigenen Strukturen schaffen kann, zeigt das Beispiel Otto. In den 70er-Jahren baute der Konzern mit Hermes einen eigenen Versanddienst auf, weil er mit der Zuverlässigkeit der damaligen Bundespost nicht zufrieden war - und genügend Sendungen hatte, die einen eigenen Transport wirtschaftlich machten. Auch Amazon, glaubt Berater Manner-Romberg, werde "schon sehr bald mit seinem Sendungsvolumen in den USA oder in anderen Kernmärkten wie Deutschland eine kritische Masse erreicht haben, die den Aufbau eines eigenen Liefernetzes zu wettbewerbsfähigen Kosten möglich macht".
Die Branche ist aber skeptisch, in wie weit das Unternehmen tatsächlich zu Fedex und Wettbewerbern aufschließen kann. "Amazon wird niemals zum Rundumlogistiker werden", sagt Jim Conway, Präsident des Fachverbands Express Delivery & Logistics Association. Letztlich sei Amazon ein Einzelhändler und als solcher auch in Zukunft auf die Auslieferer angewiesen. Vor allem auf der letzten Meile fehle es an den nötigen Ressourcen.
Zudem hat sich viel getan, seit Otto aus Mangel an Alternativen den eigenen Paketdienst aufzog. Märkte wurden liberalisiert, neben den großen Anbietern sind viele kleine entstanden. Zum Beispiel Shuttle: Das britische Unternehmen bringt Versandhändler mit kleineren Transportdiensten zusammen, die die Auslieferung von Onlinebestellungen innerhalb von 90 Minuten ermöglichen.
Ob Amazon auf solche kleinere Distributoren ausweiche, hänge davon ab, welche Zusatzoptionen die großen Paketdienste künftig bieten werden, so Manner-Romberg. Dank eines Warenvolumens von zuletzt 12,83 Mrd. Dollar im Quartal besitzt der Konzern große Verhandlungsmacht. Und Amazon experimentiert weiter. In Seattle, dem Hauptsitz des Konzerns, betreibt die Firma seit 2007 eine Wagenflotte, die Lebensmittel aus dem hauseigenen Amazon-Fresh-Programm ausliefert und so die Dienste von UPS und Fedex ganz umgeht. Ob das Programm ausgeweitet werden soll, sagt der Konzern nicht. "Uns gefällt die Idee, aber wir haben hohe Ansprüche daran, wie es funktionieren soll", sagte Amazon-Chef Jeff Bezos im vergangenen Sommer.
Denn die Firma hat sich schon einmal die Finger verbrannt. Mit Amazon Tote (sprich: Tout, zu Deutsch "Tragetasche") sollte der Lieferdienst vergangenes Jahr auf andere Haushaltsgüter ausgeweitet werden. Zwei Monate später wurde das Projekt ohne Begründung wieder eingestellt.